Informationen zur Geschichte Brasiliens - Ausführlicher Reisebericht - Beurteilungen

Ausführlicher Reisebericht 

Unsere Brasilienreise

vom 10. 10. bis 01. 11. 1999

Von Hildegard und Martin Holz  

So  10.10.99 Mo  11.10.99 Die 12.10.99 Mit 13.10.99 Do 14.10.99
Fr   15.10.99 Sa  16.10.99 So  17.10.99 Mo 18.10.99  Di 19.10.99
Mit 20.10.99 Do  21.10.99 Fr   22.10.99 Sa  23.10.99 So 24.10.99
Mo 25.10.99 Die 26.10.99 Mit 27.10.99 Do  28.10.99 Fr  29.10.99  
Sa 30.10.99 So 31.10.99         Zurück zur Auswandererforschung
Sonntag, 10.10.1999

Um 2.30 Uhr klingelte der Wecker, ein Zeichen, um zu rüsten für die schon seit langer Zeit geplante große Reise in einen anderen Kontinent. Sabina kam um 3.00 Uhr, um uns mit ihrem Wagen zum Flughafen Münster/Osnabrück zu bringen. Nach einer Fahrdauer von einer ¾ Stunde kamen wir um 4.15 Uhr am Flugplatz an, überpünktlich wie immer. Unser Gepäck wurde gleich bis São Paulo eingecheckt. Wir waren nun beide allein auf großer Reise. Sabina machte sich wieder auf den Heimweg mit dem Gedanken, uns auch hoffentlich gesund am Ende unserer Reise am Flughafen Münster/Osnabrück wieder abzuholen.

Mit einer Boeing 737 (103 Sitzplätze) starteten wir um 6.30 Uhr und landeten um 7.15 Uhr in Frankfurt. Nach einer längeren Wartezeit starteten wir mit einer MacDonnell Douglas (MD 11), die 267 Passagieren Platz bot, der brasilianischen Fluggesellschaft Varig um 12.13 Uhr nach São Paulo.

Der Kapitän Marcos Passos, sein Copilot und zwei Bordingenieure sorgten für einen reibungslosen Flug. Die übrige Crew bestand aus 12 Stewardessen und Stewards. Die 9804 km von Frankfurt bis São Paulo bewältigten wir in einer durchschnittlichen Flughöhe von 10.700 m in 11 Stunden. Wir hatten zwei reservierte Plätze nebeneinander, so daß wir ein wenig mehr Bewegungsfreiheit hatten. Wir genehmigten uns erst einmal ein kühles Bier. Während des Fluges wurden wir gut mit reichhaltigen Speisen und Getränken versorgt. Über den Bordmonitor konnte man in unregelmäßigen Zeitabständen die Flugroute mit dem jeweiligen Standort des Flugzeuges, Flughöhe, Außentemperatur und Kilometerentfernung vom Zielort São Paulo S.P. nachvollziehen. Gegen die Langeweile konnte man sich mit einer Lektüre beschäftigen oder auch synchronisierte Filme mit Ton über Kopfhörer ansehen. Martin machte des öfteren einen Spaziergang durch den Riesenvogel, um seine Glieder zu lockern. Nach einem ruhigen Flug ohne Turbulenzen landeten wir in São Paulo um 19.38 Uhr.

Wir mußten am Förderband zunächst unser Gepäck in Empfang nehmen, um es durch die internationale Zollkontrolle in den nationalen Zollbereich zu bringen. Das schafften wir gut, doch was kam jetzt noch auf uns zu?

Aber dann sahen wir schon, wie verabredet, Pater Raymundo Weihermann. Er trug einen Zettel mit großen Schriftzügen mit unseren Namen „Martin und Hildegard Holz“. Nach der Begrüßung lud er uns zu einem Kaffee ein. Er wollte uns kennenlernen und behilflich sein beim nächsten Einchecken für den Flug nach Florianópolis. Die Eincheckkosten für unser Gepäck bezahlte er gegen unseren Willen. Nun hatten wir Zeit zum Erzählen. Martin schenkte ihm sein Buch „Elsen“ und die genealogische Aufarbeitung der Familie Weihermann, soweit er sie erarbeitet hatte. Er sprach über die gemeinsamen Verwandten der Familie Voerding. Nachdem Pater Raymundo Weihermann mir die übliche brasilianische Begrüßung erklärt hatte, nämlich drei Küßchen wechselseitig auf die Wangen, warteten wir in einer anderen Halle auf den Weiterflug. Die Zeit war uns durch unsere Gespräche nicht lang geworden. Die Verabschiedung von Pater Raymundo auf die brasilianische Art war sehr herzlich. Wir haben seine Hilfe sehr geschätzt. Mit dem Bus fuhren wir auf das Rollfeld zum Flugzeug, das mit einer erheblichen Verspätung startete. Ich finde es sehr eindrucksvoll, wenn man die Gangway hinaufgeht. Ein kurzer Blick zurück auf die Erde, jetzt führte der Weg weiter durch den Luftraum. Das Lichtermeer der Großstadt São Paulo, betrachtet aus der Vogelperspektive, war einfach faszinierend. In 40 Minuten legten wir die Strecke nach Florianópolis zurück.

Valberto war schon ziemlich in Sorge, da unser Flugzeug, auch eine Boing 737, als letzte Maschine an diesem Tag in Florianópolis landete. Valberto hatte schon den zurückgekehrten Pater Raymundo Weihermann in São Paulo angerufen, um nach dem Grund der Verspätung zu fragen. Wir erfuhren dann von Valberto, daß Pater Raymundo 50 km innerhalb des Stadtgebietes von São Paulo zurücklegen mußte, um vom Flughafen zum Herz-Jesu-Mutterhaus zu gelangen. An die unendlichen Weiten müssen wir uns erst einmal gewöhnen.

Wir waren glücklich, als wir Valberto endlich begrüßen konnten. Die Freude war auf beiden Seiten groß. Es war inzwischen 24.00 Uhr. Dulce hatte zu Hause auf uns gewartet. Wir tranken eine Tasse Tee und fielen dann müde ins Bett. Valberto hat ein schönes neues Haus, in dem man sich sehr wohl fühlen kann. Jetzt waren wir am vorläufigen Ziel unserer großen Reise angelangt.

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Montag, 11.10.1999

Wir schliefen bis 9.00 Uhr. Nach dem Frühstück begann die Fahrt mit Valbertos robustem VW. Zunächst zeigte Valberto uns herrliche Aussichtspunkte, dann besuchten wir Geschäfte, alles riesig wie in Amerika und gingen dann in der Mittagszeit in ein Lokal, in dem das Essen nach Gewicht bezahlt wurde, eine ganz neue Abrechnungsmethode für uns. Ich aß für 1,98 Reais. Der Kurs der beiden Währungen steht im Moment so, daß der Wert des Real etwa mit unserer DM gleichzusetzen ist. Danach gönnten wir uns einen Mittagsschlaf. Anschließend fuhr Valberto mit uns zur Bank und zeigte uns in aller Ruhe die interessante Altstadt von Florianópolis. Ich kaufte für 10 Reais Steine (Klunker) auf dem Markt. Das Abendessen wurde zu Hause eingenommen. Um 21.30 Uhr gingen wir schlafen.

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Dienstag, 12.10.1999

Nach dem Frühstück fuhren wir um 10.00 Uhr über holprige Straßen zur Küste: alte Häuser, wunderschöner Strand, soweit man sehen konnte. Der Ozean war sehr unruhig an diesem Tag. Valberto wurde nicht müde, uns alles zu erklären. Dulce versteht durch den Besuch eines Deutschkurses ein wenig von unserer Sprache. Wir aßen in einem Lokal, welches Valberto nicht so gefiel. Ein Betreiberwechsel hatte die Attraktivität des Lokales gemindert. Die Gerichte, besonders die gebratenen Bananen, waren jedoch schmackhaft zubereitet. Danach hielten wir wieder einen Mittagsschlaf bis 15.00 Uhr. Nach einer guten Tasse Kaffee fühlten wir uns wieder frisch für eine große Rundfahrt am Ozean, entlang den Stränden der Halbinsel Florianópolis.

Valberto erzählte uns, daß die Flächen der großen Umgehungsstraßen in Florianópolis in Strandnähe vor 40 Jahren noch vom Ozean umspült wurden. Im Laufe der letzten vier Jahrzehnte hätte man dem Meer riesige Flächen für die Verkehrswege abgetrotzt.

Florianópolis  ist die Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina und gleichzeitig die größte Insel von Santa Catarina. Es gibt sogar das Gerücht, dass die Länge der Strände grösser sei als der Umfang der Insel !? Das ist durchaus vorstellbar, da es zusätzlich zu den Meeresstränden ja auch noch die Laguna gibt. Florianópolis besitzt insgesamt 42 Strände, einen internationalen Flughafen, verschiedene Hotelketten, viele Restaurants und Bars und ganz besonders eine gastfreundliche Bevölkerung. Auf 51 km Länge und 18 km Breite durchziehen Asphaltstraßen die Insel, vegetationsreiche Wege, Dünen, Flüsse und Bäche und vieles andere. Im Herzen der Insel liegt ein großer See, die Lagoa da Conceição, welche vielfach in Musik und Poesie gerühmt wurde und noch heute besungen wird. Trotz der modernen Entwicklung hat sich Florianópolis eine lebendige Kultur, Sitten und Bräuche be­wahrt. Alte Spektakel, wie "Boi-de Mamão" und "Pau-de-Fita", sind auf der Insel zu sehen. Auch das Kunsthandwerk hat einen festen Platz auf der Insel. Sehens- und auch kaufenswert hauptsächlich Körbe aus Stroh und Weiden, sowie Keramikarbeiten. Sonntags gibt es einen Kunstmarkt auf der Praça XV de Novembro. Besuchenswert auch die vielfältigen Veranstaltungen im Zentrum von Florianópolis. Die Stadt bietet verschiedenste Touristenattraktionen: Die Festung Anhatomirim, errichtet 1739; Forte Sant´Ana (jetzt ein Waffenmuseum), gebaut 1761; Die Kathedrale Metropolitana; die Brücke Hercilio Luz, eine der größten Hängebrücken der Welt; verschiedene Museen und vieles mehr. (http://www.santa-catarina.net) auch (www.santa-catarina.net)

Beim hochgelegenen Jesuitenkolleg genossen wir einen wunderbaren Ausblick auf das Inselpanorama. Wir machten die Bekanntschaft mit einem Mann aus Uruguay. Er bot mir gleich seine Matetee-Pfeife an, mit der man den heißen Teesud, Chimarrão genannt, aus einem Spezialgefäß (Kalebasse) schlürft. Wenn man die Pfeife angeboten bekommt und nicht trinkt, wird es als unhöflich angesehen. Valberto traute seinen Augen nicht, als ich dieses Angebot nicht ausschlug. Der Mann hatte unten im Mund eine Zahnlücke. Dort konnte er die Pfeife bequem einhängen. Alles hat eben seine Vor- und Nachteile. Helmut Stortz sagte uns, der Chimarrão müsse so stark sein, daß, wenn der Sud auf einen Hund gespuckt werde, dies im Fell einen haarlosen Fleck hinterlasse.

Weiter ging es zum Ozean. Fischer arbeiteten an ihren Booten und Netzen. Es gab hier eine ganz urige Kneipe, aus Brettern gezimmert, in der jeder eine Nachricht, Botschaft oder Adresse an die Pfosten oder Bretterwände kleben konnte. Sehr viele bekannte Künstler, Schauspieler und andere bekannte Persönlichkeiten mit Rang und Namen aus aller Welt hatten sich mit Bild und Unterschrift verewigt. Der Besitzer spendierte uns einen hochprozentigen Zuckerrohrschnaps. Martin machte danach noch ein Foto von mir und dem Wirt.

Dann besuchten wir einen Freund von Valberto, einen Herz-Jesu-Pater, der bis zu seinem Ruhestand Professor an der Universität in Florianópolis gewesen war. Der Weg ging so enorm steil den Berg hoch, daß wir vor Angst ausgestiegen sind. Valberto fuhr das erste Stück todesmutig allein mit Schwung. Die sehr steile Strecke war sicher einen Kilometer lang. Pater Professor Raulino Hilário Bussarelo (italienischer Herkunft) wartete schon auf uns. Der freundliche Herr lud uns zu einem Bier und Gebäck ein. Wir führten eine sehr interessante Unterhaltung. Sein Lebenstraum ist es, auf dem eigenen Grundstück eine Bibliothek zu errichten. Die Fundamente und die Grundplatte waren schon vor einigen Jahren gegossen worden. Ob er sich seinen Traum noch erfüllen kann? Die Verabschiedung war recht herzlich. Pater Bussarelo (* 28.3.1922) ist dort oben dem lieben Gott wirklich ein Stück näher. Er besitzt ein großes, geräumiges, herrschaftliches Haus mit einem Schwimmbecken in den Anlagen. Die kleinen faszinierenden Kolibris, exotische Pflanzen und ein Teilstück des urwaldähnlichen Berghanges geben seinem Besitz einen besonderen Reiz. Drei Studenten der Universität wohnen als Mieter bei ihm. Wer nicht unbedingt dorthin muß, sollte den Berg nicht hochgehen oder hochfahren. Die Abfahrt vom Berge war auch nur mit guten Bremsen und mit der Hilfe des lieben Gottes zu schaffen. Das sind Eindrücke, die man einfach nicht vergißt. Nachdem wir unser Tagesprogramm abgeschlossen hatten, gingen wir nach dem Abendbrot um ca. 21.30 Uhr schlafen.

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Mittwoch, 13.10.1999

Vor dem Frühstück las ich einen Vers aus der Bibel oder ein Gebet oder eine Lesung, so wie das jeden Morgen in der Familie vorgetragen wurde. Wir fuhren mit Valberto um 7.30 Uhr ab nach Brusque. Dort besuchten wir die große moderne Pfarrkirche. Valberto war dort vier Jahre als Pfarrer tätig. Eine sehr schöne, ich meine, auch eine moderne Kirche. Der Erbauer und Architekt war Gottfried Böhm aus Köln. Leider hat die Kirche keine gute Akustik, wie Valberto berichtete. Wir besuchten einen großen Gebäudekomplex in einer riesigen Parkanlage, wo Exerzitien und sonstige christlich geprägte Versammlungen abgehalten werden. Er gehört der Herz-Jesu-Kongregation. Valberto war der Mitplaner und verantwortlich in der Aufbauphase, zudem mehrere Jahre Leiter dieses Institutes. Die Parkanlage hatte Valberto persönlich gestaltet und mit Familienpalmen und anderen Bäumen und Sträuchern bepflanzt. Wir waren sehr erstaunt, was Valberto in seinem Leben schon für den Herz-Jesu-Orden geleistet hat. Valberto traf noch ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und begrüßte alte Pfarrangehörige, die ihn in der Stadt erkannten. Im Ort waren die Straßen geschmückt, denn es wurde das Entenfest gefeiert. Wir fuhren anschließend nach Azambuja, dem sogenannten „Wundertal“, wo wir eine sehr schöne Wallfahrtskirche mit einer Grotte in unmittelbarer Nähe der Kirche besuchten. Das quellfrische „heilende” Wasser in der Grotte wurde in Behältnissen von den Wallfahrern zur Mitnahme aufgefangen oder auch in der Grotte getrunken. Ich habe das Wasser auch gekostet und für die Weiterfahrt eine Flasche gefüllt. Vor dem Gnadenbild der Mutter Gottes standen wohl 150 Anthurien.

Besiedelt von Deutschen, Italienern und Polen wurde Brusque berühmt durch seine Textilerzeugung, die wegen des guten Preises und der Qualität der Waren Händler und Investoren aus verschiedenen Regionen Brasiliens anzieht. Durch verschiedene Touristenattraktionen ist Brusque auf jeden Fall eine Reise wert.

Der Stadtpark Caixa d´Agua

Der Park liegt im Stadtzentrum und bietet durch eine Seilbahn einen Panoramablick über die Stadt. Diese verbindet den Park auf einer Strecke von 578 m mit dem Botanischen Garten. Besucht werden kann auch ein Mini-Zoo und ein Ausbildungsflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg.

Das Tal von Azambuja

Ein religiöser Komplex, der 3 km außerhalb der Stadt liegt. Der Komplex wird durch ein Hospital, Unterkunftsmöglichkeiten, die Kathedrale, das Seminar, die Kapelle, die Grotte und durch ein Museum gebildet. Dem Wallfahrtsort Nossa Senhora do Carvaggio werden Heilkräfte zugeschrieben. Das Fest zu Ehren der Heiligen wird im August begangen.

Park der Wasserfälle

13 km vom Zentrum der Stadt entfernt liegt der Park der Wasserfälle, der eine wunderbare Ansicht bietet: die Wasserfälle inmitten der unberührten Natur.

Das nationale "Entenfest" nahm 1986 seinen Anfang um den Besuchern der Stadt Brusque ein typisches Gericht (Hauptgericht) dieser Region zu servieren; "Ente mit Rotkohl". Als Beilagen zu dem Entengericht gibt es Kartoffelpuree, Kraut und viel Bier. Auf diesem Fest gibt es neben viel Musik und Bier auch viele Produkte aus der Region zu sehen. Das Fest findet im Veranstaltungszentrum Maria Celina Vidotto Imhof auf einer Fläche von 55.000 m² statt.                                                                                                                                                      

Der Zoologische und Botanische Garten in Brusque mit einer Fläche von 120.000 m² beherbergt 640 Tíerarten, davon 73 Reptile, 82 Säugetiere und 485 Vogelarten. Viele der hier befindlíchen Tiere sínd sogar schon bedroht und ím Aussterben begriffen. Es ist ein sehr schöner Spaziergang durch den Wald zu gehen, die Tiere und die vielen Baum- und Blumenarten zu sehen. Ganz besonders interessant ist Amazonien-Abteilung: hier findet man vor allen die Vegetation dieses Bundeslandes. Viele Bromelien, Orchideen, verschiedene Tierarten, die schon im Aussterben begriffen sind wie: Jacutinga, caxingueles, pacas, sabias, und macucos, sollen hier wieder gezüchtet werden. (http://www.santa-catarina.net

Weiter ging es dann zur Familie Júlio Boing, die uns schon in Rosendahl-Osterwick besucht hatte. Pedro Boing war auch schon aus Balneário Camburiú S.C. eingetroffen. Wir wurden ganz herzlich begrüßt. Vor sieben Jahren hatten sie ein neues Haus gebaut, das einen Wohn-, Bade- und Schlaftrakt umfaßt. Júlio sagte, das alte Haus sei von den Vorbesitzern schon abbruchreif gebaut worden. Er hat einen wunderbaren, von Herzen kommenden Humor. Das neue, weiß gestrichene Haus ist im Winkel gebaut, etliche Zimmer sind von einem überdachten Gang von der Traufenseite des Hauses aus begehbar. Zenir Boing, geborene Kreusch ist eine Frau, die zupacken kann, und sie scheut sich nicht, selbst einen Ochsen zu schlachten. Sie hat acht Kinder bekommen, von denen das Jüngste als Kleinkind gestorben ist. Ihre Tochter Irma ist Ordensschwester, und Ihr Sohn Renatus ist Herz-Jesu-Priester. Renatus war der erste Boing, der nach der Auswanderung der Ahneltern im Jahre 1862 den Kontakt mit dem Stammhaus und den Verwandten in Bocholt suchte und die zerrissenen Familienbande wieder knüpfte. Er studierte in Rom und genoß es, in den Semesterferien bei den Verwandten in Bocholt zu sein. Am 5.Juli 1964 feierte Renato seine Primiz (erste hl. Messe eines Neupriesters), wie konnte es anders sein, bei den Verwandten in Bocholt. Die übrigen Kinder sind verheiratet und beruflich abgesichert.

In der großen Küche war der lange Tisch gedeckt. Wir waren mit ihren Kindern, Schwiegerkindern und drei Enkelkindern insgesamt 15 Personen. Es gab Kartoffelsalat, eine Art Wirsinggemüse durcheinander, Spätzle, Reis, Blumenkohl, Böhnchen, Möhren, saftigen Schweinebraten, Rindfleisch in dünnen Scheiben gebraten und knusprige Hähnchenteile. Nach dem Hauptgericht wurden mehrere große Schalen mit den Früchten des Landes aufgesetzt, die süß, saftig und sehr lecker waren, von der brasilianischen Sonne verwöhnt. Es war schon ein Genuß, die Vielfalt der Früchte, die uns nicht alle bekannt waren, vor dem Verzehr anzuschauen.

Vor dem Essen beteten zunächst alle laut, dann betete Júlio. Er dankte Gott, daß wir seine Gäste wären und bat ihn, uns während unseres Aufenthaltes in Brasilien zu beschützen. Nach dem Essen wurden viele deutsche Lieder gesungen. Der junge Bauer spielte dazu die Gitarre. Es war ein Erlebnis, die Gastfreundschaft und den familiären Zusammenhalt zu spüren.

Júlio und Zenir zeigten uns nach dem Mittagessen ihre zweite familiäre Erwerbsquelle, die sie verantwortlich neben der Landwirtschaft betrieben. Wir standen plötzlich in einer Backstube, die mit einer großen Ordnungsliebe eingerichtet war. Ein großer moderner professioneller Backofen war der Blickfang in diesem Raum. Die Wände waren bestückt mit Regalen, auf denen in Reihe und Glied sehr große beschriftete Dosen mit Zutaten für das Backwerk parat standen. Das Mehl wurde, wie wir sahen, in Säcken angeliefert.

Hier in dieser Backwerkstatt wurden von Júlio und Zenir ausschließlich Plätzchen in den unterschiedlichsten dekorativen Formen und Geschmacksrichtungen für den Hausverkauf mit Freude hergestellt. Natürlich hatten sie eine Anzahl Dosen mit fertigem Backwerk, die wir nach dem reichhaltigen Mittagessen auf unseren vollen Magen noch durchprobieren mußten. Der sehr gute Absatz zeugt auch von einer guten Qualität.

Júlio zeigte uns seine Handflächen und sagte: „Sehen meine Hände nicht aus, als gehörten sie einem Pastor? Das ist der sichtliche Vorteil, daß die jungen Leute in der Landwirtschaft und wir in der Backstube arbeiten.“ Zenir sagte: „Wenn wir hier unsere Arbeit getan und Lust dazu haben, dann fahren Júlio und ich spazieren.“

Mit Wehmut haben wir uns von der großen liebenswerten gastfreundlichen Familie Boing verabschiedet. Martin und ich haben wohl daran gedacht, ob wir sie noch ein drittes Mal in unserem Leben wiedersehen werden?

Als wir unsere Weiterfahrt nach Brusque angetreten hatten, sagte Valberto, nein, es hörte sich so an, als würde er laut denken: „Ich kenne keinen Menschen mit einem so aufrechten Charakter, wie Júlio ihn hat. Ich glaube, daß er nicht einmal zu einem unrechten Gedanken fähig ist. Júlio ist ein wertvoller Mensch“.

Von Brusque fuhren wir nach Gaspar. Dort besuchten wir die im gotischen Stil gebaute Petruskirche. Von der Kirche blickt man über das Tal und auf den Fluß Itajaí, der uns auf einer langen Wegstrecke auf unserer Fahrt begleitete. Weiter ging es nach Rio do Sul. Wir fuhren durch die festlich geschmückte Stadt Blumenau, alle Straßen waren wegen der biertrinkenden und singenden Besuchergruppen nur mit großer Vorsicht befahrbar. Waren wir in München oder in einem Ort auf einem anderen Kontinent? Es wurde drei Wochen lang in einer riesigen Festhalle, in vielen Gaststätten und privat Oktoberfest gefeiert. In dem Ort besuchten wir auch noch die Kathedrale, die von dem gleichen Architekten Gottfried Böhm aus Köln wie in Brusque geplant und gebaut wurde. In den Fenstern waren Bögen wie Gardinen angebracht. Hinter dem Altar war ein großes rundes, mit Steinen eingefaßtes Fensterbild. Faszinierend waren die gelb bis rosafarbenen Steinchen. Wir besuchten in Blumenau noch den Geschäftsmann Mário Hellmann und seine Cousine Josefine Hellmann. Mário Hellmann spricht ein klassisches Hochdeutsch, das wohl in seinen fast täglichen geschäftlichen Beziehungen mit Deutschland seinen Ursprung hat. Er und seine Cousine, eine im Ruhestand lebende ledige Lehrerin, sind auch sehr an der Forschung interessiert. Josefine will ein Buch über ihren Heimatort Vargem do Cedro schreiben. Auch Josefine spricht ein sehr gutes Deutsch. Valberto hatte einen Besuch im Archiv von Blumenau eingeplant. Martin versäumte es nicht, Kontakte zu knüpfen und über die brasilienbezogene Auswandererforschung unserer Arbeitsgruppe zu sprechen.

Im Jahre 1848 von deutschen Einwanderern unter Leitung von Dr. Hermann Blumenau gegründet und kolonisiert, gilt Blumenau heute als DAS Symbol der deutschen Kolonisation in Brasilien. Hermann Bruno Otto Blumenau wurde am 26. Dezember 1819 in Hasselfelde/Harz geboren. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er dort, um dann, nach Vorbereitung auf das Gymnasium bei Pastor Götting in Klein-Winnigstedt, einem Verwandten der Familie, das hochangesehene Martino-Katharineum in Braunschweig zu besuchen. Als jüngstes von sechs Kindern hatte Hermann einen schweren Stand in der Familie, und der Vater, angesehener Oberförster (später Forstrat) in Hasselfelde, hielt nicht allzuviel von ihm. Immer wieder ließ er ihn Mißtrauen in seine Fähigkeiten spüren, was den Sohn verletzte und ihn, so lange der Vater lebte, zu Rechtfertigungsversuchen seiner Tätigkeiten ver­anlaßte. Kurz vor dem Abitur beschloß der Vater, den Sohn von der Schule zu nehmen. Dennoch wurde Hermann aufgrund vorzüglicher Leistungen zum Universitätsstudium zugelassen. Vorher absolvierte er eine Apothekerlehre. Sie galt damals als die beste Vorbereitung auf ein anschließendes Studium der Chemie. Er begann die Lehre 1836 in Blankenburg und beendete sie 1840 mit besten Beurteilungen. Unmittelbar danach ging Hermann Blumenau auf Wanderschaft. Zu Fuß durchquerte er Böhmen, Oberösterreich, besuchte Salzburg, Gastein, erklomm Alpengipfel, erreichte Heiligenblut am Großglockner.

Das zweitgrößte Fest in Brasilien und das zweitgrößte Bierfest der Welt. Das Oktoberfest wurde bereits zum größten touristischen Ereignis in Santa Catarina. Nach schweren Überschwemmungen der Stadt Blumenau wurde 1984 dieses Fest ins Leben gerufen und zieht jedes Jahr tausende von Touristen an. Während des Tages gibt es zahlreiche Veranstaltungen in der Stadt, Umzüge, Folkloredarbietungen. Das Zentrum der Stadt ist bei Klän­gen der Musikapellen von Besuchern überfüllt. Am Abend findet das Fest in den 5 Pavillions der PROEB statt, mit Shows von deutschen Musikkapel­len, nationaler Musik und Rock-Shows. Die Deutsche Küche ist ebenfalls mit diversen typischen Gerichten präsent. In den zahlreichen Restaurants und Geschäften gibt es Dutzende von Souvenirs zu kaufen, T-Shirts, Hüte, Bierkrüge, alle mit den typischen Symbolen des Festes. Die Stadt Blumenau besitzt heute eine starke Wirtschaftskraft: Vielfältig und sich ständig verbessernd die größte Textilherstellung von Latein-Amerika und die zweitgrößte der Welt. Hering, Sulfabril und Serpa´s Planet sind bekannte Markennamen. Die Infrastruktur Blumenaus, und damit auch für die gesamte Region, gilt nicht nur als "typisch deutsch" und überrascht auch "zivilisationsgewohnte" Besucher aus Deutschland. Der Umweltschutz zum Beispiel ist ein Haupt­anliegen der Stadtverwaltungen von Blumenau und Pomerode und die ansässigen Betriebe selbst investieren viel, um die Umwelt zu schützen und die schöne Naturlandschaft zu erhalten. Der Handel von Blumenau ist einer der bestentwickelsten von Santa Catarina und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Möbelfabrikation, der Einrichtungen von Häusern und mit Sport-Moden. Dabei stehen Betriebe im Vordergrund, die zur Erhaltung der traditionellen Bausubstanz beitragen. Die Stadtverwaltung gründete in Partnerschaft mit privaten Initiativen das Kongressbüro , ein Unternehmen zur Or­ganisation von Ausstellungen der Metall- und Maschinenbau-Industrie, der Textil-Industrie und der Medizin. Der größte Feind der Stadt sind die verheerenden Überschwemmungen, welche 1983, 1984 und auch wieder in jüngster Vergangenheit die Stadt erheblich verwüstet haben. Oktoberfest Die Stadt ist Veranstalter des größten deutschen Volksfestes in Brasilien, dem Oktoberfest. Es ist das zweitgrößte Fest von Brasilien überhaupt. Es findet auf dem Gelände der PROEB statt. (http://www.santa-catarina.net)

Wir kamen gegen 20.00 Uhr bei Valbertos Schwester Olinda in Rio do Sul an. Ihr Mann Vital Marchi ist Italiener. Sie freuten sich beide, uns, besonders aber ihren Bruder und Schwager Valberto, zu sehen. Nach dem Abendessen unterhielten wir uns noch ein wenig auf plattdeutsch, dann gingen wir ins Bett. Ein Nachtvogel gab stundenlang einen schrillen monotonen Laut von sich, so daß ich nicht schlafen konnte. Bei Valberto stieg die hauseigene Katze wohl zehnmal durch das Fenster ein. Er wollte aber auf die frische Luft nicht verzichten, dafür fand er sich mit dem ungewollten Katzenbesuch nach allen Abwehrversuchen ab.

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 Donnerstag, 14.10.1999  

Bis 8.00 Uhr schliefen wir, dann wurde gefrühstückt. Nach der Stärkung fuhren wir in die Stadt Rio do Sul. Zuerst sahen wir uns die große Kirche an, sie ist wunderschön. Helle Farben, wie man sie hier in Deutschland immer wieder antrifft, schöne Bänke, gutes glattes Holz. In allen Kirchen hörte man dezente, einfühlsame leise Musik. Valberto und Martin hatten noch ein paar Fragen an den Pfarrer Pater Thiago Heinzen, dessen Vorfahren aus dem Hunsrück stammten. Danach gingen wir durch die Stadt. Händler aus Nord-Brasilien boten Hängematten an. Valberto handelte eine Matte von 35 auf 20 Reais herunter. Martin und ich stimmten dem Geschenk, das für unsere Enkelkinder bestimmt war, zu. Meine beiden Begleiter, Valberto und Martin, wollten noch jemanden aufsuchen. Valberto hatte das Haus auch bald gefunden. Nachdem wir die Treppe zum 1. Obergeschoß bestiegen hatten, sprach Valberto mit einer Dame, die ihm sagte, der Herr werde bald kommen. Wir nahmen Platz und warteten. Eine große offene Tür gab den Blick frei in eine schöne Hauskapelle. Da kam der Herr, auf den wir warteten, auch schon um die Flurecke, mit bloßen Füßen in Sandalen, in einer bunten Strickweste und mit einer Schlägermütze (Kippe) auf dem Kopf. Der große Ring an seiner Hand paßt doch gar nicht zu seiner Bekleidung, dachte ich. Martin und Valberto begrüßten ihn, und er fragte gleich: „Kön i auk Platt küern?“ Ich setzte mich locker hin. Da sagte Martin: „Ja, Hildegard, du sitzt einem Bischof gegenüber.“ Da nahm ich aber gleich eine züchtige Haltung an. Er ist ein großer, stattlicher Mann von 72 Jahren. Die Vorfahren von Bischof Tito Buss kamen aus Stadtlohn. He konn guet Platt küern. Ehe wir nach einem in plattdeutsch gehaltenen Gedankenaustausch aufbrachen, fragte Martin, ob er uns den bischöflichen Segen gäbe. Das tat er dann ganz feierlich in der Hauskapelle. Er gab Martin auch Kopien seiner genealogischen Aufzeichnungen über die Familien Buss und Oenning. Danach zeigte er uns die Behandlungsräume für seine psychologischen Therapien. Ich mußte mich auf einen Sessel legen, und er legte mir Elektroden an die Finger und berieselte mich mit Musik. Es war schon ein Erlebnis, wenn ich bedenke, daß ich wohl als einzigste Frau von Osterwick in waagerechter Haltung vor einem Bischof gelegen habe. Wenn ich es vorher gewußt hätte, wäre ich nicht so arglos und locker gewesen.

Dann machten wir uns auf den Weg zu Olinda, die das Mittagessen vorbereitet hatte. Es gab Reis, Auflauf, Schinkenbraten, Gemüse und Nachtisch, alles sehr schmackhaft. Wir verabschiedeten uns, denn wir mußten noch 200 km auf einer zum Glück sehr schönen Straße bis Florianópolis zurücklegen. Wir besuchten noch den Ort Santa Theresa. Auf dem Friedhof wurde die in Coesfeld geborene Carolina Dirksen, geborene Haverkamp, Urgroßmutter von Valberto, begraben. Valberto fand auf dem Schuttplatz noch ihren alten Grabstein mit der gut erhaltenen Grabinschrift, den er für die Familie sichern und an passender Stelle wieder aufstellen will. Valberto war immer bemüht, uns etwas Besonderes zu zeigen und aufschlußreiche Dinge über Land und Leute zu berichten. Valberto fuhr im ersten Gang einen unbeschilderten, sehr schlechten und steilen Weg hoch. Nur Eingeweihte konnten diesen Weg kennen. Ich glaube, in unserem Bauch war nichts mehr an seinem ursprünglichen Platz. Wir hatten Bedenken wegen der Gesunderhaltung seines Autos, aber Valberto meinte, das Auto sei nach den Vorgaben der schlechten Straßenverhältnisse in Brasilien gebaut, es kenne solche strapaziösen Wege. Ja, nun ging es den Berg immer weiter hoch. Auf der Bergkuppe glaubten wir, man könne bis ans Ende der Welt sehen. Wir hatten wieder das Gefühl, dem lieben Gott ganz nahe zu sein.

Stille, Stille. Als wir zurückfuhren, konnten wir die Wolken fast anfassen. Ich war sehr froh, als wir wieder ohne Schaden unten angelangt waren. Weiter ging es, wie schon erwähnt, auf einer guten Straße. Kurz vor Florianópolis tankte Valberto. Keine 500 m weiter leuchtete eine rote Lampe auf, es fehlte Wasser. Valberto hielt das Auto zwischen einer Hin- und Rückspur an. Geschickt, aber auch gefährlich. Es fehlte Kühlwasser, eine Gummidichtung war gerissen. Ein Mechaniker kam und reparierte notdürftig den Schaden für 20 Reais. Martin hatte den Fehler am Sicherheitsstopfen schon vor der Begutachtung des Automechanikers entdeckt. Gegen 20.00 Uhr kamen wir doch sehr erschöpft zu Hause an, besonders Valberto war geschafft. Wir hatten in den zwei Tagen etwa 700 bis 750 km zurückgelegt, davon die Hälfte auf unbefestigten, schlechten, mit vielen Schlaglöchern übersäten Straßen. In den Orten fuhren wir nur über schlecht verlegtes Kopfsteinpflaster, welches auch noch Schlaglöcher hatte. Eine Unterhaltung war dann wegen der Fahrgeräusche fast unmöglich. Uns war es schon fast peinlich, was Valberto alles für uns tat. 

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Freitag, 15.10.1999

Nach dem Frühstück um 8.30 Uhr brachte Valberto sein Auto in die Werkstatt, um die provisorische Reparatur fachmännisch beheben zu lassen. Dulce wusch unsere Wäsche. Wir fuhren mit Valberto zur Bank, um Geld zu tauschen. Zwei Wachmänner standen an der Tür. Martin kam nicht durch die Durchsuchungsschleuse, weil er ein kleines Taschenmesser in der Hosentasche hatte. Nach der Abgabe des winzigen Taschenmessers an die Wachleute, die bis zum Abschluß des Bankbesuches das gefährliche Utensil aufhoben, war der Weg auch frei für Martin. So eine große Anzahl Bankkunden hatte ich noch nicht eher gesehen. Mit Kaffeeautomaten und Fernsehsendungen wurde den Wartenden die Zeit vor dem riesigen Bankschalter vertrieben.

Anschließend fuhren wir zur Universität, Valbertos Dienststelle. Wir bekamen nur einen groben Überblick über die große Universitätsanlage. Nach dem Mittagessen mit Cláudio und Rafael war bis 15.00 Uhr Ausruhen angesagt. Martin und Valberto fuhren zum Bistumsarchiv, dort trafen sie einige Leute, mit denen Martin schon lange Jahre schriftlichen Kontakt hatte. Unter anderem waren bei der Besprechung der Bischof Vito Schlickmann, dessen Vorfahren aus Schöppingen kamen, Aderbal Philippi, seine Frau Else als Übersetzerin, Evaldo Hemkemaier und Valberto zugegen. Martin gefiel es im Bistumsarchiv sehr gut. Das Entgegenkommen und das große Interesse der Familienforscher, Historiker, Auswandererforscher und der Autoren der Bücher, die sich mit der deutschen Einwanderung des 19. Jahrhunderts in Brasilien befaßten, war der Lohn für seine jahrelange Arbeit in der Arbeitsgruppe „Münsterländische Brasilienauswanderer“. Valberto hatte Martin eingeladen, an seinem abendlichen Vortrag über die Auswanderungsbewegung teilzunehmen. Martin war begeistert über die Art und Weise, wie Valberto seinen Themenbereich den Zuhörern sehr lebendig schilderte und vermittelte.

Ich hatte am Nachmittag mit Dulce eingekauft und bügelte anschließend unsere Wäsche. Dulce hat drei Söhne: Der älteste, Ivan, studiert und lebt in Brusque, der mittlere, Cláudio, und der jüngste, Rafael, studieren in Florianópolis und wohnen bei Dulce und Valberto. Cláudio und Rafael waren sehr freundlich, aufgeschlossen und aufmerksam.

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Samstag, 16.10.1999

Heute hieß es früh aufstehen. Um 7.00 Uhr starteten wir nach Armazém. Pater Sérgio Hemkemeier begrüßte uns mit einer Tasse Kaffee in seinem neuen Pastorat. Um 10.00 Uhr sollte die Messe zur goldenen Hochzeit der Eheleute Emílio Berkenbrock und seiner Frau Nilsa, geborene Michels, beginnen. Die Zeit drängte, und wir gingen zur Kirche. Die sehr schöne, ansprechende Kirche war ganz wunderbar mit Blumen geschmückt. Weiße Callas und gelbe Herbstastern mit weißem Schleierband zierten die Bänke. In der Kirche drängten sich alle um uns, die deutsch, vor allem plattdeutsch sprechen konnten. Auch zwei Patres begrüßten uns herzlich auf deutsch. Dann folgte der feierliche Einzug des Goldpaares mit ihren Kindern und Enkelkindern, und alle gesprächigen Kirchenbesucher wurden still. Der Chor sang Lieder mit schönen Melodien. Fünf Geistliche und ein Diakon zelebrierten die Messe. Vier Priester kamen aus den Nachbarpfarren und erwiesen dem Goldpaar durch ihre Mitwirkung an der Gestaltung der Goldmesse die Ehre. Ein Lektor führte mit kräftiger Stimme durch die Goldmesse. Sein Dienst war umfangreicher geprägt, anders als wir es kennen, man könnte ihn als Regisseur der Meßfeier bezeichnen. Pater Sergio begrüßte das Goldpaar und sprach kurz über ihren Lebensweg in der portugiesischen Landessprache, in hochdeutsch und zum Schluß in unserer wunderbaren münsterländischen Mundart. Darauf sprachen ihre Kinder und Verwandten und Freunde. Ganz besonders wurden wir beide begrüßt. Wir wurden zum Altar gebeten, um uns vorzustellen. Könnt ihr verstehen, wie ich mich gefühlt habe, als ich vor einer gefüllten Kirche die Stufen zum Altar hoch gegangen bin und mich den Leuten vorgestellt habe? Ein spontaner Applaus der Kirchenbesucher verminderte meine Hemmschwelle ein wenig.

Martin machte unser Vorstellungsgespräch ganz locker, als wäre so etwas ganz normal. Pater Sérgio übersetzte alles, was Martin über seine Auswandererforschung sagte. Nach dem Abschluß der Ansprache von Martin wurden wir wieder mit großem Beifall bedacht. Ich war sehr froh, als wir wieder in unserer Bank Platz nehmen konnten. Pater Höper (seine Vorfahren kamen aus Südlohn-Oeding), etwa 42 Jahre alt, nahm das Mikrophon und sang ein ganz melodisches Lied. Der Text war auf das Leben des Goldpaares Emílio und Nilsa Berkenbrock abgestimmt. Der Refrain wurde von allen Kirchenbesuchern gesungen. Wir konnten die Tränen vor Rührung nicht zurückhalten. Im nächsten Jahr will Pater Höper eine CD herausbringen. Martin sagte ihm nach der Messe, daß er mit seinem Gesang den Himmel aufgerissen habe und die himmlischen Heerscharen dadurch an der Goldhochzeit teilnehmen konnten. Drei ganz niedlich gekleidete Enkelinnen brachten dem Goldpaar die Goldringe und Goldsträußchen, dann kamen die Kinder mit Geschenken. Der Goldbräutigam verlor seinen Goldring, wie er uns später sagte, gleich nach der Messe. Er bemerkte dazu, es wäre schlimmer gewesen, wenn er seine Nilsa verloren hätte. Die Trauzeugen und wir, alle Ehepaare in der Goldmesse, mußten sich die Hand reichen, und wir bekamen noch einmal den Segen für unseren Ehebund.

Ein Chor aus Vargem do Cedro (Welthauptstadt der Ordensberufe), einheitlich gekleidet, begleitete mit seinem schönen Gesang die Goldmesse. Nach der Messe wurden vor dem Altar viele Fotos gemacht, es war feierlich und doch sehr locker. Der Solosänger Pater Höper schaute Martin im Kirchenraum nach dem Abschluß der Goldmesse an und zeigte ihm seinen aufrechten Daumen. Er wollte Martin verdeutlichen, daß der Ablauf der Goldmesse fabelhaft geklappt hat.

Die Messe war nach zwei Stunden um 12.00 Uhr zu Ende. Mit Júlio Boing und seiner Frau fuhren wir zum Gemeindehaus. Es hatten sich über 500 Gäste eingefunden. Drei große Tische waren mit Salaten, Gemüse und Schnibbelbohnengemüse beladen. Ein Koch schnitt unermüdlich dicken Rinder- und Schweinebraten klein. Alles war sehr schmackhaft. Nach dem Essen scharte Pater Höper alle Deutschstämmigen um sich, und dann sangen sie deutsche Lieder mit solch einer Inbrunst, wie ich es noch nicht miterlebt hatte. Einmal hieß es: „Und wenn er einst gestorben ist, bringt man ihn zum Friedhof hin und singt aus voller Brust: Der Kerl hat Durst.“ Wenn die deutschstämmigen Brasilianer deutsche Lieder singen, stehen sie alle auf, um dem Deutschtum die Ehre zu erweisen.

Wir saßen bei deutsch sprechenden Gästen, mit denen Martin auch schon brieflich Kontakt hatte. Dann wurde ein Videofilm gezeigt von dem Ehepaar Berkenbrock. Es dauerte wohl 1½ Stunden, bis alle Kinder mit Partner, Geschwister mit Partner und Verwandten im Filmablauf zu Wort gekommen waren. Nach dem Film über den Lebenslauf der Eheleute Emílio und Nilsa Berkenbrock wurde die große köstliche Goldhochzeitstorte angeschnitten und Kaffee gereicht. Um 16.00 Uhr holte uns Valberto wie vereinbart am Festsaal ab. Nach der Verabschiedung von den Gesprächspartnern des Festes und dem Goldpaar rüsteten wir uns für die Fahrt nach São Bonifácio.

Es kann sich in Osterwick keiner vorstellen, daß es noch solche fast unpassierbaren Wege gibt. Wir fuhren etwa 60 km oder noch mehr durch tiefe Schlaglöcher, Schlamm und Matsch. Es nahm kein Ende. Ich war total geschafft. Valberto war jedoch ein guter Fahrer, der alle mir schwierig erscheinende Situationen mit Bravour meisterte. Die Verwandten von Valberto, unsere Gastgeber, die uns sehr freundlich aufnahmen, hatten uns schon erwartet. Loreno und Roseli Philippi bewirteten uns mit Kaffee und Brot. Das weckte unsere Lebensgeister wieder.

Um 19.00 Uhr war in São Bonifácio der zweite Gottesdienst an diesem Tag für uns angesagt. Dona Hilda, 72 Jahre alt, die Cousine von Valberto, ging mit bloßen Füßen in Badeschlappen bei naßkaltem Wetter zur Messe. Sie saß neben mir in der Kirche. Es wurden Kirchenlieder gesungen, deren Melodie wir kannten. Nach der Messe, oh Schreck, hieß es wieder, Valberto, Martin und Hildegard Holz möchten sich der Gemeinde vorstellen. Also wieder zum Altar! Nach der Vorstellung sprach Martin am Altar kurz über die Auswandererforschung, die ja anschließend im Gemeindehaus ausführlich behandelt werden sollte.

Der Bürgermeister hatte uns sowie alle interessierten Bürger der Gemeinde, die wissen wollten, woher ihre Vorfahren gekommen seien, nach dem Gottesdienst ins Gemeindehaus eingeladen. Im Gemeindehaus wurden wir schon von interessierten Bürgern erwartet. Zwei Kindertanzgruppen standen in Trachten bereit, ihre Tänze uns zu Ehren vorzuführen. Wieder stand vorne ein Tisch für die Gastgeber und Ehrengäste. Martin, Valberto, der Bürgermeister und der Pastor nahmen Platz.

Zuerst begrüßte uns der Bürgermeister und dankte uns, daß wir aus dem Stammland Deutschland zu ihnen gekommen seien. Dann sprach Valberto über die Auswanderungsbewegung im allgemeinen, über die Einwanderung der Hunsrücker im Jahre 1828/29 und die Einwanderung der Münsterländer in den Jahren um 1860. Er sprach auch über die von Pater Wilhelm Roer (* 29.9.1822 Münster,     † 8.10.1891 Porto Alegro ) angeführten, von der brasilianischen Regierung genehmigten Wanderbewegungen der münsterländischen Einwanderer, um auf fruchtbarem Boden endgültig seßhaft zu werden.

Martin erzählte detailliert über den Sinn und Zweck der Arbeit in der münsterländischen Auswandererforschung. Er begrüßte es, daß sich in Brasilien Mitstreiter gefunden hätten, die das gleiche Ziel verfolgten. Valberto übersetzte Martins Ausführungen. Die Leute waren sehr begeistert und stellten ihm viele Fragen, die er zu einem großen Teil beantworten konnte. Loreno saß neben mir und übersetzte zu meiner Freude die portugiesischen Passagen der Redner. Die Kindertanzgruppen in ihren schönen Trachten gaben eine gute gemischte Vorstellung der eingeübten deutschen Volkstänze. Die Tanzeinlagen wurden mit großem Applaus belohnt. Der Bürgermeister schenkte Martin ein Bild des Ortes São Bonifácio, und die Kindertanzgruppe schenkte mir, „Senhora Hildegard“, einen bemalten Teller. Die Leiterin der Kindertanzgruppe und die Kinder wollten unbedingt ein gemeinsames Foto mit Martin und mir machen. Jedes Kind gab uns zum Abschied ganz herzlich die Hand und wollte von uns gedrückt werden. Die strahlenden Kinderaugen werden wir nicht vergessen. Nach der Verabschiedung der Initiatoren, des Bürgermeisters, der gleichzeitig der Arzt des Ortes war, des stellvertretenden Bürgermeisters, des Sängers Raulino Backes mit Gitarre, des Pfarrers des Ortes und anderer gingen wir, Valberto, Martin und ich, sehr zufrieden mit Dona Hilda Philippi, geborene Dirksen und Loreno Philippi nach Hause. Roseli war zu Hause geblieben und hatte uns ein köstliches, reichhaltiges Essen hergerichtet. Das gemeinsame Essen bremste den Redefluß ein wenig, ein Zeichen, daß es allen gut schmeckte. Die 72jährige Dona Hilda, eine Cousine von Valberto, sprach nicht nur wunderbar plattdeutsch, sondern sie war auch ein lebendes Geschichtsbuch. Hilda erzählte unter anderem, ein Pastor hätte einmal lange und langweilig gepredigt, da hätte ein ungeduldiger Kirchenbesucher gerufen: „Meine Herren, ich rieche Feuer!“, und die Kirche sei im Nu leer gewesen.

Wir sahen einen jungen Reiter, da sagte sie spontan: „Es ist ja nicht so, daß ich an dem Reiter interessiert wäre, aber das Pferd hätte ich schon gerne.“ Sie erzählte noch folgendes: Die Familie ihrer Großeltern hätte nie unliebsamen Kontakt mit den Indianern im Urwaldrandgebiet gehabt. Natürlich sei ihr Großvater darauf bedacht gewesen, seine Grenzen nach Möglichkeit unmerklich ohne großes Aufsehen zum Urwald hin zu erweitern. Die Indianer hätten nach den „Grenzkorrekturen“ ihres Großvaters mit über den Weg gespannten Lianen oder anderen aufgestellten Hindernissen gezeigt, wer die eigentlichen Eindringlinge in ihrem angestammten Territorium seien. Wenn der Großvater Fallen außerhalb seiner Besitzgrenzen aufgestellt hatte, habe er des öfteren nur das Fell des abgezogenen Tieres in der zugeschlagenen Falle vorgefunden. Der Großvater habe irgendwann die Zeichen der immer unsichtbaren Indianer erkannt und ihren Wunsch nach Unantastbarkeit ihrer Grenzen respektiert. Seither habe eine friedliche Nachbarschaft bestanden. Hilda hatte früher immer ein Pferd und einen kleinen Wagen gehabt, das war ihr Fortbewegungsmittel, um das 6 km entfernte Dorf São Bonifácio zu erreichen. Sie hatte in der Kirche über 20 Jahre das Harmonium gespielt. Die Meinung von Dona Hilda wurde im Dorf oft gehört und geschätzt. In dem 6 km entfernten unbewohntem Elternhaus Philippi versorgt Hilda jeden Tag ihre Haustiere. Wenn an einem Tag kein Auto zur Verfügung steht, geht sie die 12 km hin und zurück zu Fuß, um ihre Tiere zu versorgen. Ihr Sohn Loreno und Schwiegertochter Roseli wollten es nicht mehr dulden, daß die Mutter allein in dem einsamen Haus schlief. Die 72jährige Dona Hilda blieb an meiner Seite und erzählte sehr interessant in plattdeutscher Sprache von der vergangenen Zeit.

Wir erzählten ihr von den unzähligen Vogelnestern, die wir während unserer Tour auf den Strommasten sahen und die uns ein unbekanntes, beeindruckendes Erscheinungsbild boten.

Valberto hatte uns gesagt, daß die Bediensteten der Elektrizitätswerke sehr oft aus Vorsorge die auf den waagerechten Leitungsträgern plazierten „Kunstwerke“ der Lehmhänschen1 zerstören müssen, weil sie Kurzschlüsse im Leitungsnetz auslösen können.

Hilda Philippi erzählte uns vom Lehmhänschen folgende Geschichte:

„Das Lehmhänschen hatte seine Lebenspartnerin in flagranti (auf frischer Tat) bei einem Seitensprung mit einem Artgenossen angetroffen. Hänschen fühlte sich über die Untreue seiner Frau untröstlich und in seiner Vogel-Ehre sehr gekränkt. Statt zu verzeihen, wuchsen seine Rachegefühle, und er konnte sie auch nicht mehr verdrängen. Als seine ungetreue Frau sich zur Nachtruhe in dem gemeinsamen Lehmhaus niedergelassen hatte, schlich sich Hänschen hinaus, um seinen Racheplan zu verwirklichen. Er mauerte in aller gebotenen Eile mit Speichel und Lehm das Einflugloch zu. Die Verschmähte mußte nun an Nahrungsmangel, verbunden mit dem Bewußtsein, untreu gewesen zu sein, ihrem Vogelende entgegensehen“.

Der Volksmund in Brasilien sagt den kleinen „Baumeistern“ der Vogelgattung „Lehmhänschen“ nach, daß sie strenge christliche Grundsätze beachten und am Sonntag den 7. Tag der Woche die Arbeit ruhen lassen.

Das Einflugloch wird grundsätzlich entgegen der Wetterseite angebracht damit der Regen nicht in ihre Behausung eindringen kann. Wetterkundler und die Kolonisten beachten diese Zeichen der Lehmhänschen und richten sich gegebenenfalls bei ihren Handlungen danach.

Hilda besuchte mit mir ihre Tochter, die eine halbe Straßenlänge weiter ein schönes Haus mit ihrer Familie besitzt. Sie sagte, daß sie sich schäme, nur plattdeutsch zu sprechen. Ihr Sohn Loreno, Elektriker, 50 Jahre, und seine Frau Roseli, Lehrerin im Dorf, Eltern von sechs Kindern, waren bemüht, uns mit köstlichem Essen und Getränken zu versorgen und uns das Gefühl zu vermitteln, daß wir zu ihnen gehörten. Loreno arbeitete fünf Jahre in Wien, daher sprach er ein einwandfreies Deutsch. Nach einer gründlichen Aussprache über Gott und die Welt und die Geschehnisse des ereignisreichen Tages gingen wir schlafen.

[1]    Der Erdhannes, João (Johannes) de Barro, auch Lehmhänschen genannt, gehört zur Familie der „Furnariden - Ofenbauer“ - Furnarius rufus. Darunter ist der im      Süden und Mittel-Brasiliens lebende Furnarius rufus badius der Bekannteste. Im Volksmund ist er bekannt als „Forneiro - Ofenbauer“, „Barreiro - Erdarbeiter“,         „Amassa-barro – Erdkneter“, „Maria-de-barro – Erdmarie“ oder auch „Oleiro – Töpfer“. Meistens ist er erdfarben, sein Hals ist etwas weißlich und sein Schwanz         rötlich oder auch braun. Er ist Insektenfresser, frißt aber auch andere kleine Käfer. Er baut seine Nester oder auch Häuschen aus Erde oder Lehm, den er mit seinem         Schnabel und Füßen in die richtige oder erwartete Form bringt. Diese Häuschen können bis zu 30 cm im Durchmesser haben und meistens sind sie bis zu 25 cm         hoch, sie haben eine gerundete Form und bestehen aus zwei Teilen, dem Eingang oder auch Vorraum und einem inneren Raum, der als Nest ausgebaut wird. Dieser         zweite Raum ist vom ersten getrennt durch einen schrägen Vorbau, der als Schutz gegen das Eindringen von Feinden dient, besonders gegen die kleinen  Vogel-                 fresser, die in das äußere Schlupfloch eindringen können. Das ganze Häuschen hat im Durchschnitt ein Gewicht zwischen 3 und 5 kg. Manchmal werden die  neuen         Häuser über den alten Baukörper gebaut, so daß ganze Stockwerke entstehen. Das Vogelpaar baut meistens 4 bis 7 Tage an so einem Nest. Er ist bei Vogelfreunden  .      besonders bekannt und beliebt durch seinen frohen und schrillen Gesang in der brasilianischen Landschaft.

Herr Lucas Borgert aus Brasilien gab mir dankenswerter Weise obenstehende Informationen über das Lehmhänschen.

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Sonntag, 17.10.1999

Nach dem Frühstück besuchten wir zunächst das Museum des Ortes São Bonifácio. Die Museumsleiterin, Frau Dilma Kock Exterkötter, stand dem Forschungsprojekt Martins und seiner Mitstreiter in Deutschland recht positiv gegenüber. Sie versprach zu helfen, wenn sich eine Gelegenheit böte. Dann folgte der Friedhofsbesuch.  Die Inschriften auf den Grabsteinen gehören zur Geschichte eines Ortes und haben doch eine große Aussagekraft. Martin fand viele Sterbedaten von Kolonisten, die im Münsterland geboren waren und die von Theresópolis kommend in São Bonifácio im 19. Jahrhundert seßhaft geworden waren.

Um 12.00 Uhr waren wir in einem Lokal außerhalb des Dorfes von Bürgermeister Dr. Dimas Espindola zum Mittagessen eingeladen. Hilda und Loreno Philippi kamen auch mit. Wir konnten frei auswählen: Fisch, Hähnchen, Rindfleisch, Nudeln, Kartoffeln, Tomaten, Salate und immer Kaps oder Schnibbelbohnengemüse. Dies wird ganz trocken gekocht, es ist so ähnlich wie bei uns der Kartoffelbrei. Zum Nachtisch gab es Wackelpudding und Reis mit Zimt. Jeder drückte uns beim Abschied und bedankte sich für unseren Besuch. Es sei ihnen eine Ehre gewesen, uns zu sehen und näher kennenzulernen. Jetzt noch ein Gedanke zur Einschätzung der Familie Philippi, bei der wir herzlich aufgenommen wurden. Es waren sehr einfache, liebe, von Herzen nette Leute. Wir werden die Gastfreundschaft der Familie Philippi nicht vergessen. Wir konnten es nicht begreifen, daß sich eigentlich fremde Menschen so um uns bemühten, daß sie dankbar und glücklich waren, daß wir ihre Gäste waren.

Nach dem Abschied von der Familie Philippi ging es wieder zurück auf den schon beschriebenen Marterpfad. Für das Auto und uns drei lagen etwa 50 km mit Unterbrechungen auf der schlechten Wegstrecke vor uns. Den ersten Stopp machten wir bei dem über 90jährigen Onkel Gustavo Dirksen. Er, seine Tochter Tabita und Schwiegersohn Raulino Backes freuten sich sehr über unseren kurzen Besuch. Der Schwiegersohn war am Abend zuvor beim Empfang des Bürgermeisters als Sänger mit seiner Gitarre aufgetreten. Ein ungezähmter Wildbach bahnte sich durch die große Besitzung Dirksen / Backes seinen Weg. Er hatte in der Vergangenheit schon des öfteren durch Hochwasser an und in den Wohngebäuden großen Schaden angerichtet. Um die Wassermassen zum Zwecke der größtmöglichen Schadensbegrenzung zu regulieren, hatte Raulino Backes erhebliche Baggerarbeiten am Bachbett durchführen lassen. Raulino Backes ist ein vielseitig begabter Mann. Außer dem Gitarrenspiel und seinem Gesang lernten wir noch seine künstlerische Seite kennen, wir sahen das naturalistisch gemalte Bild in São Bonifácio und die Bemalung des Lehrbienenstandes in Florianópolis. Die Zeit drängte, wir mußten uns verabschieden.

Die nächste Station war die Familie von Celestino Dirksen, eines Neffen von Valberto. Der selbständige Schreiner hatte für Valbertos neues Haus die Fenster und Türen gefertigt. Die Schwägerin von Valberto und Mutter von Celestino erzählte von einer gefährlichen Situation, bei der die ganze Familie in Todesängste versetzt worden war. Der Sturm hätte vor gar nicht langer Zeit furchtbar gewütet und Elektromasten in der Nähe des Hauses umgeknickt. Die am Boden und auf den Abzäunungen liegenden Stromdrähte hätten in der Dunkelheit ein Feuerwerk rund um ihre Wohnanlage entfacht. Der komplette Fischbesatz des nahen großen Teiches sei durch den Stromschlag vernichtet worden. Alle Familienmitglieder hofften, daß das Inferno nicht auf das Haus übergriff. So schnell und heftig wie der Feuerregen gekommen war, sei er dann auch wieder erloschen. Am anderen Morgen hätte man die großen Brandspuren unmittelbar an den zerstörten Elektroleitungen gesehen. Nach einer lebhaften Unterhaltung und einer Tasse Kaffee mit Backwerk mußten wir wieder Abschied nehmen. Nach einer längeren Fahrtzeit hielt Valberto bei dem Wohnhaus von Simon Schmöller in der Nähe des Ortes Rio São João. Ohne das Auto zu verlassen, wechselten wir einige Worte mit Simon Schmöller, natürlich auf plattdeutsch, und lernten die Eheleute Helmut und Marly Stortz kennen, die sich gerade von Simon nach einem Besuch bei ihm verabschieden wollten. Wir sollten alle drei noch näher kennenlernen. Wieder hieß es Abschied nehmen, um die letzte Wegstrecke zu bewältigen. Es führte ein langes Wegstück durch richtigen Urwald. Die Baumkronen vereinigten sich über dem desolaten Hohlweg und veränderten das Tageslicht in ein mystisches Dunkel. Morgens und abends schreien dort in den Wäldern die Brüllaffen, besonders wenn das Wetter sich ändert. Die Kolonisten leben mit der Natur und richten sich oft nach den Zeichen der Tierwelt. Irgendwann hatten wir das letzte schlimme Stück von 2½ km geschafft. Plötzlich tat sich zu unserer großen Überraschung ein wunderschönes Tal auf. Hier liegt Valbertos Elternhaus. Valberto bezeichnete es als „mein Bethanien“. Er genießt es, wenn er ein paar Tage im Haus seiner Schwester und seines Schwagers, Albertina und José Schneider, Kraft schöpfen kann, wenn die Arbeit und der Einsatz als Professor der Universität von Florianópolis eine Ruhepause fordert. Der Platz, auf dem das Haus steht, mit dem ganzen Umfeld ist wirklich ein Stück Paradies. Ohne Zweifel hat es über Generationen sehr viel Schweiß gekostet, um diesen Eindruck zu erwecken. Von den Eheleuten Albertina und José Schneider wurden wir herzlich begrüßt. Albertina sagte, wir sollten uns wie zu Hause fühlen.

Jetzt möchte ich noch über meine Einschätzung der Kolonisten und ihrer Arbeit sprechen. Die Menschen leben dort ganz genügsam und zufrieden. Was sie zum täglichem Leben brauchen, wird in der Landwirtschaft erarbeitet und geerntet. Weil die Temperatur auch im Winter nur sehr selten die Frostgrenze erreicht, läßt die Natur drei Fruchtfolgen zu. Die Schneiders pflanzen überwiegend Tabak an. Die Hege und Pflege bis zur Ernte ist eine beschwerliche Arbeit. In speziellen Trocknungsspeichern wird der Tabak vor dem Versand aufbereitet. Die Forstwirtschaft ist auch bei den Schneiders eine vom Staat subventionierte Einnahmequelle. Mit zwei Zugochsen wird das Land bearbeitet. Ochsen seien sehr stark und ruhig bei der Führung auf dem Acker, Pferde dagegen für diese harte Arbeit nicht geeignet. Das Weide- und Ackerland liegt an einem Berghang und auf einem Plateau. Sie hielten eine Kuh, damit sie ihre eigene Milch hätten, und Schweine für den Eigenbedarf. Zwei große Fischteiche garantierten eine gute Einnahmequelle durch den Verkauf von schlachtreifen Fischen. Es gab Fernsehen über eine Riesensatellitenschüssel. Propangas war auch vorhanden, aber Albertina kocht auf einem alten Kohleherd, weil es besser schmeckt, sagte sie. Es gibt kein Telefon im Haus, keine Zeitung und keine Post, die bis an den Wohnplatz gebracht wird. Adam und Eva hatten diese Hilfsmittel der Kommunikation auch nicht im Paradies. Wenn man diese Hilfsmittel nie gehabt hat, vermißt man sie auch nicht so sehr, wie wir es täten. Die glücklichen Hühner laufen frei herum, legen ihre Eier dort, wo sie es nur wollen. José hat jeden Tag Osterstimmung, er muß immer wieder Eier suchen, denn die Hühner haben sich an keine Legeordnung gewöhnt. Sie brüten auch schon mal in einer Astgabel auf dem großen Feigenbaum. Dann treffen die Schneiders aber Vorsorge und spannen ein großes Sprungtuch unter dem Brutplatz auf, so daß die Küken nach dem Ausschlüpfen dort, ohne Schaden zu nehmen, runterpurzeln können. Diesen Mammutfeigenbaum pflanzte Valberto mit seinem Vater vor etwa 53 Jahren. Auf dem Baum wuchsen Kakteen, Bromelien, Schleierpflanzen und viele andere mir unbekannte exotische Pflanzen. Viele Eindrücke der ganzen Blütenpracht kann man gar nicht beschreiben, die Natur ist dort so wunderbar und vielfältig. Ein zahmer Tukan[2], der als Jungvogel von der Familie Schneider Lebenshilfe erfahren hatte, gehörte zur Familie und war immer Gast bei den Mahlzeiten. Die winzigen buntschillernden Kolibris sind gern gesehene, wunderbare Geschöpfe Gottes. Martin sah auch ein Stinktier in den Scheunentrakt schlüpfen. Wenn es in Bedrängnis gebracht wird und die Stinkdrüsen als Abwehrwaffe benutzt, kann man den Tatort wegen des üblen Gestanks über viele Wochen nicht betreten. Eine ca. 30 cm lange Eidechse huschte über den Weg ins Gebüsch. Die Natur und die Tierwelt hat in Brasilien für den Europäer eine ganz andere Betrachtungsweise und vermittelt andere Eindrücke als in Deutschland und den angrenzenden Ländern.

Valberto lud mich ein, mit ihm zu einer Gruppe Ananasstauden am Berghang zu gehen, die er vor vielen Jahren gepflanzt hatte. Die Steigung, die er augenscheinlich mit Leichtigkeit empor schritt, hat mir doch wohl sehr viel Kraft abverlangt.

Albertina wurde am 21.10.1999 fünfundsechzig Jahre alt. José ist 63 Jahre alt. Gezeichnet durch die schwere jahrzehntelange Arbeit, hätte man sie sicher älter einschätzen können. Die Eheleute Albertina und José Schneider sind liebenswerte, gottesgläubige, zufriedene Menschen. José erzählte viel von den wild lebenden Tieren und von der Natur. Nachts gäben die Frösche in den Teichen ein klangvolles Nachtkonzert. Nur die Gewohnheit bei den Einheimischen oder eine große Müdigkeit bei den Gästen ließen den nächtlichen Schlaf zu. Einige der großen Prachtexemplare kamen bis ins Haus oder bis auf den Rasen. Sie saßen regungslos und machten den Eindruck, als seien sie kostbare Tonfiguren.


[2]    In Süd- und Mittelamerika lebender größerer, meist prächtig bunter, in Baumhöhlen nistender Vogel mit sehr großem, leuchtend farbigem             Schnabel „Pfefferfresser“.

 

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Montag, 18.10.1999

Wieder ging’s den Indianerpfad entlang nach Rio São João. Wir besuchten am Morgen Kirchen und Friedhöfe. Anschließend waren wir bei der Familie Helmut und Marly Stortz. Ihr schönes Häuschen liegt an einem Hang. Haus und Garten schmückten sie mit Orchideen und Blumen aller Art. Sie wollten gerne, daß wir wenigstens einen Tag ihre Gäste wären. Die Familie Stortz mit ihren erwachsenen Kindern sprechen sehr gut Deutsch. In ihrem Bekanntenkreis wird auch Plattdeutsch gesprochen. Die Kunde, daß deutsche Urlauber im Lande seien, hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Alle freuten sich, Deutsche zu sehen und zu sprechen.

Zum Mittagessen fuhren wir wieder zu Albertina, alles war reichlich. Sie sagte: „Ich bereite immer gutes Essen, so daß man sich jeden Tag darauf freuen kann. Man muß in der Landwirtschaft ja auch sehr viel und schwer arbeiten.“ Zwei Söhne bewirtschaften den Hof. Einer ist noch ledig, der andere hat eine junge hübsche Frau. Sie bauen sich abseits vom Elternhaus ein neues Heim. Die junge Frau arbeitet jeden Tag mit ihrem Mann auf dem Feld und faßt dort an, wo es nötig ist. Es ist gut, daß sich auch die jungen Leute in der Abgeschiedenheit mit der harten Landarbeit wohl fühlen und gut abfinden können.

Nachmittags waren wir in Rio Gabiroba bei einem Bruder von Valberto, dem Sägewerkbesitzer Raimundo Dirksen, seiner Frau Maria, geborene Schmöller (deren Familie stammte aus Horstmar oder Metelen), und der übrigen Familie eingeladen. Ein großer Kaffeetisch war vorbereitet, und es wurde viel in plattdeutscher Sprache erzählt. Hier, wie überall zum Frühstück und zur Kaffeetafel gab es „Roske“. Es ist ein sehr lockeres, schneeweißes Brot, was aus Maniokmehl[3] gebacken wird und mit Sauerrahm, Honig oder Sirup sehr gut schmeckt. Es kamen auch noch andere Bekannte, die Raimundo eingeladen hatte. Man wußte nicht, wem man sein Gehör schenken sollte. Viele Fragen stürmten auf uns ein. Raimundos Sohn Egon Dirksen unterhielt sich sehr intensiv, natürlich in einem einwandfreien Deutsch, mit Martin. Er war begierig, recht viel von dem Ursprungsland Deutschland zu erfahren. Er ist Abonnent von zwei deutschsprachigen Zeitschriften, dem Familienkalender (Jahrbuch der Familie) und dem Sankt-Paulusblatt. Er schenkte Martin je ein Exemplar. Natürlich ging’s nach dem Kaffeeklatsch wieder zur Kirche und zum Friedhof. Martin überprüfte die Daten auf den Grabsteinen mit seinen Unterlagen. Simon Schmöller, Bruder von der oben erwähnten Maria, ist ein Mann von etwa 70 Jahren. Er hatte im Steinbruch gearbeitet. Er hatte auch auf dem Friedhof die Gräber ausgemauert. Wenn jemand stirbt, muß schnell gehandelt werden. Innerhalb von 24 Stunden nach dem Tod muß die Beerdigung stattfinden. Sein Onkel wollte gern über seiner Frau beerdigt werden, die vor 21 Jahren gestorben war. Simon entfernte daraufhin die große Granitplatte, aber das Grab war nicht tief genug. Sie hoben den Sarg der Tante heraus, und wie er oben stand, sagten sie: „Jetz kiek wi auk es drin“. Die Tante sei noch sehr gut zu erkennen gewesen. Das Kleid, die Haare, die Blumen, alles sei noch gut erhalten gewesen. Es war wohl kein Wasser und kein Sauerstoff in das Grab gelangt. Mir lief bei seiner Schilderung ein Schauer über den Rücken. Simon zeigte uns noch eine Grotte, die er aus Kieselsteinen in unterschiedlicher Stärke gemauert hatte. Simon ist ein sehr angesehener Mann, der sprichwörtlich in allen Seilen ziehen kann. Helmut Stortz bestätigte uns später, daß Simon ein ganz besonders zuverlässiger und aufrechter Mann sei.

Wieder ging’s zu Albertina, und wir schliefen die letzte Nacht auf dem schönen Fleckchen Erde. Wir fuhren wieder durch ein Stück Urwald. Valberto hält dort immer an, so daß man die große Stille der unberührten Natur spürt und die verschiedenen Bäume und Schlingpflanzen sieht und die verschiedenartigen Vögel singen hört. Nach dem Abendbrot sprachen wir noch über die Erlebnisse des Tages, ehe wir schlafen gingen.


[3]    Maniok,  (Zu den Wolfsmilchgewächsen gehörendes) wichtiges Nahrungsmittel in den Tropen, Afrika, Südamerika und Westindien, es ist ein     wachsender Strauch aus dessen Wurzelknollen Stärkemehl (Kartoffelersatz) gewonnen wird.

 

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Dienstag, 19.10.1999

Um 8.45 Uhr nahmen wir Abschied vom Paradies im Urwald und von den freundlichen Gastgebern Albertina und José. Beide luden uns herzlich ein, doch wiederzukommen. Bei strahlend blauem Himmel fuhren wir ein letztes Mal den Weg durch den Urwald. Um 10.00 Uhr hatten wir einen Empfang beim Bürgermeister Norvaldo Maas in São Martinho, einem hübschen, freundlichen Mann. Es wurde sofort von der Sekretärin Kaffee gebracht. Mit dem Stellvertreter des Bürgermeisters, José Schotten, nahmen wir das Mittagessen in einem Restaurant ein. Martin konnte ihn gleich über seine münsterländischen Vorfahren aufklären. Es war für uns eine Ehre, von der Gemeinde so förmlich empfangen zu werden. Vorher hatten wir noch das Museum und die Kirche in São Martino besucht. Die Kirche ist auf Christkönig, die Kapelle dem hl. Martin geweiht. In nächster Nähe liegt der Friedhof. Zum Museumsbesuch muß ich noch etwas erzählen: Valberto, der vor Jahren auch am Aufbau des Museums beteiligt war, erklärte uns alle Utensilien und alten Gerätschaften und die übrigen Dinge, die dort aufbewahrt werden. Im Obergeschoß sah ich, wie Martin ganz betroffen vor einer Vitrine stand und mit dem Kopf schüttelte. Er kam zu mir und sagte: „Hildegard, es gibt ganz unmißverständlich auf der Welt noch einen Menschen, der die gleiche Handschrift hat wie ich. Die Charaktermerkmale meiner Handschrift finde ich auf der Beschreibung in der Vitrine wieder“. Er war verständlicherweise sehr aufgeregt. Dann ging er noch einmal zur Vitrine, um den Text durchzulesen, und stellte mit großer Erleichterung fest, daß es tatsächlich seine Handschrift war. Martin hatte 1995 eine genealogische Aufarbeitung über die Vorfahren der Familie Effting in Vargem do Cedro S.C. geschickt, deren Ahnfamilien aus Schöppingen und Legden stammten und von denen eine Familie 1860 heimlich nach Brasilien ausgewandert war. Die Requisiten der Stammhäuser mit ihrer Beschreibung fand Martin im Museum der Gemeinde São Martinho wieder. Es gibt Zufälligkeiten im Leben, die man oft nicht begreifen oder beschreiben bzw. schwer erklären kann.

Wir hatten einen unbeschreiblich schönen Ausblick. Unter uns das Capivarytal und der Capivaryfluß, ein Flüßchen mit ganz klarem Wasser und vielen dicken und kleinen Findlingen, der sich bei extremem Niederschlag zu einem unberechenbaren Fluß entwickeln kann. Von São Martinho fuhren wir über São Luiz nach Vargem do Cedro. In São Luiz besuchten wir die Eheleute Emilio und Nilsa Berkenbrock und auch den Platz, wo Emilios am 11. 4. 1919 geborene Schwester Albertina Berkenbrock am 15.6.1931 ermordert wurde. Die 12-jährige Albertina hat sich ihrem Mörder mit aller Kraft bis zu ihrem gewaltsamen Tod widersetzt, um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Die Eltern von Emilio und Albertina hießen Heinrich Berkenbrock und Josephine, geborene Böing, die als Kolonisten in der Land- und Weidewirtschaft den Lebensunterhalt für ihre Familie erarbeiteten. Zum Andenken an die ermordete Albertina wurde an der Stelle ihres Todes zunächst von Steinen ein Kreuz errichtet und später eine Gedächtniskapelle gebaut. Die Votivgaben in der Kapelle zeugen von einer großen Verehrung der katholischen Gläubigen, die von weit und breit anreisen. Organisierte Gruppen kommen mit Bussen, um die ermordete Märtyrerin Albertina zu verehren und in der Kapelle zu beten. Der in Kleve am Niederrhein am 18. 5. 1896 geborene Pater Heinrich Sebastian Rademacher sah es als seine vordringlichste Aufgabe an, der Verbreitung der christlichen Lehre Weltgeltung zu verleihen. Er war ein eifriger junger Priester, der zunächst in Rio Fortuna S.C. bis 1927 mit seiner seelsorglichen Tätigkeit begann. Nach der Berufung zum Pfarrer der Pfarreien Taquaral, Ubatuba am Meer S.P., Veadinho do Pôrte C.P. im Innern des Landes, hat er in diesen Gemeinden mit großer Hingabe weit über 40 Jahre gewirkt. Die Missionierung der brasilianischen Ureinwohner war ihm eine besondere Herzensangelegenheit. Dieser Gottesmann, Pater Heinrich Sebastian Rademacher,[4] hat 1932 die zweiundzwanzigseitige wahre Geschichte der ermordeten Albertina Berkenbrock mit dem Titel “Das Heldenmaedchen von Vargem do Cedro” mit dem Untertitel “Eine wahre Begebenheit” in seinem Buch “Unter Gottes Himmel” (Seiten 25 bis 47) geschrieben und 1933 herausgegeben. Durch die weltlichen und kirchlichen Presseorgane wurde der tragische Tod der Albertina Berkenbrock, deren Ahnvater am 5.9.1815 in Darfeld im Münsterland, Westfalen, geboren wurde, in Brasilien und Deutschland bekannt gemacht. Es sei noch erwähnt, daß der schwarzhäutige Maneco Palhoca, der mit einer Mulattin liiert war und drei Kinder hatte, als Mörder der Albertina überführt wurde. Er war Knecht bei der Familie des Kolonisten Heinrich Berkenbrock und wohnte nur ca. 30 Meter von dem Gehöft entfernt in einer Hütte. Der Mörder Maneco Palhoca wurde zu 30 Jahren Kerker verurteilt. Nach siebenjähriger Haft starb er im Gefängnis.

Weil die deutschstämmigen Brasilianer im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg dauernden Repressalien durch die brasilianische Regierung ausgesetzt waren und die deutsche Sprache, Bräuche und die Pflege des kulturellen Lebens mit Gewalt und drastischen Strafen unterbunden wurden, hatte Pater Heinrich Sebastian Rademacher nicht die Möglichkeit, seine Geschichte über die ermordete Albertina Berkenbrock einer breiten Leserschaft in Brasilien und Deutschland bekannt zu machen. Erst fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zeit reif für die Veröffentlichung. Es liefen schon Bestrebungen und Eingaben zur Prüfung zum Prozeß für die Seligsprechung der ermordeten Albertina.

Um 15.00 Uhr waren wir in Vargem do Cedro zu einem Seniorennachmittag eingeladen. Vor der Ortsgrenze ist über den Weg ein großes Schild angebracht mit der Aufschrift „Vargem do Cedro Welthauptstadt der Ordensberufe“. Wenn diese Aussage ihre Berechtigung hat, gibt es keinen Ort auf der Welt, der eine größere Anzahl an Priester- und Ordensberufen hervorgebracht hat. Tabita Effting Feuser wartete auf uns mit einer großen Gruppe Frauen, die sich jeden Dienstag treffen und für einen guten Zweck Handarbeiten anfertigen. Alle begrüßten mich mit Umarmung und, wie in Brasilien üblich, drei Küßchen. Die Männer der Frauen vertrieben sich die Zeit mit dem Kartenspiel. Für uns war ein besonderer Tisch gedeckt, ich setzte mich zwischen die anwesenden (alten) Frauen, was ihnen besonders gut gefiel. Martin fragte jede Frau bei der Begrüßung nach dem Nachnamen und Geburtsnamen. Er konnte fast jeder Frau etwas von den Vorfahren und dem Stammort im Münsterland erzählen. Der Pastor kam auch noch zur Begrüßung und zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Später zeigte er uns die Kirche und das Pfarrhaus. Ein ganz dynamischer Mann, dieser Pater Renato José Rohr. Er baut ein Museum für die Gemeinde und hat bei den Einwohnern von Vargem do Cedro schon soviel gesammelt, daß er sein Museum nach der Fertigstellung mit Raritäten und Ausstellungsstücken füllen kann.

Wir fuhren dann noch zu Maria Feuser, geborene Berkenbrock. (sie ist eine Schwester der ermordeten Albertina). Maria hat Sebastião Feuser, einen Schwager von Tabita Effting Feuser, geheiratet. Ihr Flußhaus ist wie ein Märchenpark angelegt, ein Bach fließt durch die Gebäudeteile des Hauses. Die dicken Karpfen fütterte sie mit der Hand. Sie backen in einer maschinell gut eingerichteten Backstube für Konsumenten aus der Region Plätzchen, aber am laufendem Band, und hatten wie sie sagte, reichlich zu tun. Dann ging’s wieder 10 km rund um den Berg bis São Martinho. Dort bat Valberto Pater Johann Höper, uns nach Armazém zu Pater Sérgio Hemkemeier zu bringen. Wir verabschiedeten uns von Valberto bis zum Dienstag der nächsten Woche. Pater Johann paßte es wohl nicht so recht in seinen Kram, aber er brachte uns doch zu Pater Sérgio. Wir fürchteten schon, es würde unsere letzte Fahrt sein. Wo nur 40 km pro Stunde erlaubt waren, fuhr Pater Johann 80. Er kennt zwar die Straßen, ist dort ja zu Hause und oft unterwegs, aber wir beide waren froh, als wir vor dem neuen Pastoratsgebäude in Armazém unversehrt aussteigen konnten. Pater Sérgio war noch seelsorglich unterwegs. Ein Nachbar und Freund von ihm, Heinrich Michels, unterhielt sich mit uns. Später lernten wir Pater Johann doch noch besser kennen und schätzen. Er war oft im Pfarrhaus von Pater Sérgio. Die Haushälterin Elise ist eine ganz nette und fürsorgliche Person, spricht allerdings kein Deutsch. Mit Händen und Füßen, mit Gesten und Blickkontakt verstanden wir uns mit Elise sehr gut. Wir bekamen ein schönes Zimmer mit zwei Betten und eigenem Bad. Das Gebäude wurde nach dem neuesten Stand der Haustechnik erstellt. Alles ist gefliest, es gibt eine Klimaanlage, und alles ist sehr großzügig und durchdacht. Eine sehr schöne Hauskapelle ist im Erdgeschoß untergebracht. Pater Sérgio kam gegen 21.00 Uhr von Laguna zurück und begrüßte uns herzlich. Er brachte ein leckeres Gericht mit Meeresfrüchten mit. Um 22.00 Uhr gingen wir schlafen. Wir freuten uns, ein gutes Bett zu haben. Heute hatten wir sehr schönes Wetter, es war ein richtiger sonniger Frühlingstag.


[4]   Am 5.10.1921 legte er in Fünfbrunn-Luxenburg das erste Gelübde ab. Er wurde am 5.10.1925 in Taubaté (São Paulo) zum Priester geweiht. Er              verließ den Herz-Jesu-Orden 1930 und wurde Weltpriester. Er arbeitete unter anderem in Rio Grande do Sul. In Itapecirica da Serra (São Paulo)              war er bis zu seinem Tod als Weltpriester tätig. Der Jesuiten-Prister Alvino Bertoldo Braun hat 1954 auch ein Büchlein mit dem Titel „Vida da                  Serva de Deus Albertina Berkenbrock“ herausgegeben.

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Mittwoch, 20.10.1999

Wir schliefen gut. Um 8.00 Uhr gab es Frühstück, alles sehr lecker. Pater Johann, der uns gestern hierher gebracht hatte, kam und frühstückte mit uns. Pater Sérgio mußte zuvor noch Firmunterricht erteilen. Um 10.00 Uhr sollte die Abfahrt ins Gebirge sein. Ich durfte nach Deutschland anrufen, hörte Martinas Stimme auf dem Anrufbeantworter und sprach dann mit Sabina. Es tat mir gut, die Stimmen der Kinder zu hören.

In São Ludgero sahen wir uns eine moderne große, helle Kirche an. Pater Sérgio und Martin gingen in das Pastoratsgebäude. Wir wollten später auf dem Rückweg noch einmal dort anhalten. Wir fuhren weiter ins Gebirge nach Rio do Rastro, 1460 Meter hoch. Über Serpentinen führte der Weg nach oben. Elise, die Hausdame, eine sehr nette, liebenswürdige Person, fuhr auch mit. Pater Sérgio wollte ihr einen schönen Tag bescheren, weil sie immer so freundlich zu seinen Gästen ist und immer die richtigen Worte findet. Wir waren hoch oben; leider konnten wir wegen des vorhandenen Nebels nichts sehen. Es gab dort einen Andenkenstand mit flotter Musik. Martin tanzte mit Elise. Pater Sérgio machte ein Foto von ihnen. Wir fuhren etwa zwei Kilometer weiter, um das Mittagessen einzunehmen. Man konnte essen, soviel man wollte, bis zum Abwinken, dünne Steaks, lecker am offenen Feuer gebraten, mit Bier und Cola. Pater Sérgio bezahlte insgesamt 25 Reais für das Essen und die Getränke.

Es ging dann zurück zu dem zuvor nebeligen Aussichtspunkt. Die Nebelschleier waren jetzt gänzlich verschwunden, und wir hatten einen herrlichen Blick über das Tal. Wie schön ist doch Gottes Welt! Ich ging zum Auto, um meine Tasche zu holen. Oh Schreck, ich sah meine Tasche nicht mehr auf der Rückbank des Wagens, und Elises Tasche auch nicht. Im Moment waren meine Beine wie gelähmt. Wir alle waren zunächst furchtbar erschrocken, doch auf einmal sagte Pater Sergio: „Hildegard, du bist in einem fremden Auto gewesen.“ In unserem Auto waren, Gott sei Dank, noch alle Handtaschen an ihrem Platz. Die Durchblutung in meinen Beinen normalisierte sich wieder. Danach haben wir alle tüchtig über meinen Diebstahlsverdacht gelacht. Was wäre es für ein Umstand gewesen, wenn wir ohne Ausweise, Zahlungsmittel und den persönlichen Aufzeichnungen zunächst mittellos dagestanden hätten? Dann ging’s den Berg langsam wieder hinunter. Wir machten noch einmal Halt in São Ludgero. Jetzt war Pastor Lückmann zu Hause, er freute sich über Martins Informationen über seine Vorfahren. Pater Sérgios Nichte ist nebenan im Schwesternhaus als Ordensschwester der göttlichen Vorsehung tätig. Das Mutterhaus ist in Münster. Als die Schwestern von unserer Ankunft hörten, wurde gleich eine Kaffeetafel mit leckerem Gebäck hergerichtet. Die älteste Nonne, deren Vorfahren aus dem Hunsrück stammten, war 87 Jahre alt. Von einer anderen Schwester, geborene Röttger, waren die Vorfahren um 1860 aus dem Stammort Asbeck nach Brasilien ausgewandert. Wir lachten so viel über Dönkes, die von der alten Schwester erzählt wurden. Natürlich wurde auch über meine angeblich gestohlene Tasche gelacht. Uns kamen die Tränen vor lauter Lachen. Die Schwestern wollten uns gar nicht gehen lassen. Schwester Agnes meinte auf plattdeutsch, ob wir, bevor wir abführen, noch das Wasser abschütten wollten. (Pipi machen). Uns beiden ging es schon fast vorher in die Hose, so mußten wir lachen. Martin bekam vom Pastor Lückmann die Geschichte des Ortes São Ludgero in deutscher Sprache, er darf sie ablichten und ist glücklich darüber. Martin sollte Schwester Sabine im Mutterhaus Münster Grüße ausrichten.

Die nächste Station war Braço do Norte. Die Witwe Maria Schlickmann Brüning aus Braço do Norte, eine Tante von Frau Frey-Brüning in der Schweiz, gab Martin interessante Papiere in drei Kartons mit. Ihr Mann Daniel Brüning war Bürgermeister von Braço do Norte und wollte ein Buch über den Ort schreiben. Er starb, ehe er sein Vorhaben vollenden konnte. Eine nach ihm benannte Straße zeugt von einem engagierten, geachteten Bürgermeister. Als nächstes machten wir bei der Kirche halt. Pater Sérgios Neffe ist dort Pater und Pfarrverwalter. Er sagte uns, daß er außer seiner Pfarrkirche noch 25 Kapellen seelsorglich zu betreuen hätte. In zwei Fächern gäbe er auch noch Schulunterricht. Er ist ein freundlicher, hübscher Mann. Er zeigte uns die Kirche. Sie hat eine riesig hohe Holzdecke aus Quadraten. In jedem ist ein Tier abgebildet. Ich denke, es soll ein Sinnbild der Arche Noah sein. Im Altarraum befindet sich ein großes Kreuz. An der linken Seite sind fünf rosa gekleidete Engel, an der rechten Seite fünf hellblau gekleidete Engel zugeordnet. So ist die Farbenvielfalt in Brasilien. Die Kanzel wird jeden Monat mit einer anderen Heiligenfigur bestückt und geschmückt. Heute stand dort die schwarze Madonna von Brasilien.

Es war heute ein ausgefüllter schöner Frühlingstag. Um 17.30 Uhr waren wir wieder zu Hause in Armazém. Pater Sérgio erzählt gern saubere Witze. Er fragte uns nach dem Unterschied zwischen wunderbar und sonderbar. Als wir diese Frage nicht beantworten konnten, sagte er: „Elias ist mit einem feurigen Wagen in den Himmel aufgefahren, das war wunderbar. Daß er sich dabei nicht den Hintern verbrannt hat, das ist sonderbar". Er hatte immer wieder einen schönen Witz parat.

Elise war noch nie im Gebirge gewesen. Ich glaube, daß sie aus einer nicht begüterten Familie stammt und froh war, bei Pater Sérgio eine verantwortliche Position als Hausdame (Haushälterin) zu haben. Sie sorgt sich um Pater Sérgio wie um einen Vater und kennt keinen Feierabend. Nicht, daß sie unentwegt arbeiten muß, aber sie ist einfach da, wenn Pater Sérgio ihre Hilfe benötigt. Ich habe eine Frau angetroffen, die Elise hilft, das große Haus mit dem gepflegten Gemüsegarten sauber zu halten.

Wir aßen gegen 20.00 Uhr die leckeren Reste vom gestrigen Seefrüchtegericht. Pater Sérgio hatte vergessen, daß er eine Messe lesen sollte. Es regte ihn nicht sonderlich auf, daß seine „Schäfchen“ über 10 Minuten auf ihren Pfarrer warten mußten. Sérgio sagte uns: „Ihr solltet wissen, daß ein Priester nie zu spät kommt. Die Messe beginnt erst dann, wenn der Zelebrant den Altar betritt“. Wir besuchten die Messe auch, natürlich unpünktlich, um den Abschlußsegen noch zu bekommen. Pater Sérgio mußte noch zum Rotary-Club. Die Fragen nach dem Woher sind bei den deutschstämmigen Brasilianern immer präsent, auch in dieser Zusammenkunft. Hinterher war er verärgert darüber, daß er Martin nicht dorthin mitgenommen hatte, denn alle hatten sich auf Martins Erscheinen gefreut. Wir lasen noch ein wenig in unserem Zimmer. Etwa 22.00 Uhr kam Pater Sérgio zurück. Er kam noch ins Zimmer (ich lag schon im Bett) und erzählte uns Witze. Für ein paar Witze reichte die Zeit und sein Humor immer noch. Ein Pater Josef Kunz aus Termas de Gravatal rief noch an. Er lud uns beide mit Pater Sérgio und Pater Johann Höper zum Mittagessen ein.

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Donnerstag, 21.10.1999

Um 8.00 Uhr saßen wir am Frühstückstisch. Elise und ich spülten das Geschirr. Dann kaufte ich mit der plattdeutsch sprechenden Joana Michels (die Familie Michels stammt aus dem Hunsrück) zwei Tops für 19,50 Reais. Um 11.45 Uhr fuhren wir, Pater Sérgio und Pater Johann, zu Pater Josef Kunz. Wieder gab es eine herzliche Begrüßung. Dann wurden wir auch bald an den reichlich gedeckten Tisch gebeten. Es gab Suppe mit Reis und Eierstich, Schnibbelbohnengemüse, kalte Böhnchen, Kohlrabi, Rote Beete, Reis, Salat, gebratene Hähnchenteile, dazu Wein. Pater Josef Kunz ist 82 Jahre. Er kann sein rechtes Bein und den rechten Arm durch einen erlittenen Schlaganfall nicht mehr richtig gebrauchen. Er liest wohl jeden Tag um 17.00 Uhr im Haus die heilige Messe. Es waren drei Frauen mit dem Mittagessen beschäftigt. Seine Schwester ist seine Haushälterin. Er freute sich sehr, daß er mit uns deutsch sprechen konnte. Er ist geschichtlich sehr interessiert, und wir stellten fest, daß er über ein großes Wissen über die Auswanderergeschichte verfügt. Nach der Verabschiedung fuhren wir zu Pater Sérgio und legten uns etwas hin um auszuruhen. Hier in Armazém ist heute ein Mann im Alter von 92 Jahren gestorben. Morgen früh um 8.30 Uhr wird er schon beerdigt. Bei der Kirche steht ein hoher Glockenturm, daran sind Lautsprecher angebracht, über die man den Tod und die Beerdigung bekannt gibt. Sonstige kirchliche Neuigkeiten werden ebenfalls über die Lautsprecheranlage bekanntgemacht. Zuerst ertönt Musik, damit alle Menschen aufmerksam werden, dann folgen die kirchlichen Durchsagen. Es sind zwei Bürger gestorben, die heute beerdigt werden, um 17.00 Uhr ist nun noch eine Beerdigung.

Alle Leute sind sehr nett und freundlich zu uns. Martin ging zu Leuten, die mit ihm gern deutsch sprechen wollten. Ich sah mir die Straßen um die Kirche an und ging um 16.30 Uhr zur Messe. In der Kirche sah ich alte Frauen, alte Männer, junge Frauen mit Kindern, junge Leute und Kinder. Es war eine Krankenmesse, jeder bekam nach der Messe persönlich von Pater Johann den Segen, vorher war er noch durch die Kirche gegangen und hatte alle mit Weihwasser gesegnet. Pater Sérgio war seelsorglich unterwegs. Martin brachte Frau Boing mit in das Pfarrhaus. Es kamen noch eine 81jährige und noch eine Ordensschwester (die Vorfahren waren Herdt). Alle freuten sich über das, was Martin ihnen über ihre Vorfahren berichten konnte. Um 20.30 Uhr traf Pater Sérgio ein und brachte für Martin kostbare Dokumente mit, er setzte sich gleich daran und sah sie durch. Ich ging um 21.45 Uhr zu Bett. Martin sah noch bis Mitternacht die Dokumente durch.

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Freitag, 22.10.1999

Morgens um 8.00 Uhr holte uns eine Frau ab und brachte uns nach Rio São João, São Martinho, zur Familie Helmut und Marly Stortz. Wir waren immer wieder erstaunt, wie freundlich die Menschen zu uns waren. Helmut hatte einen VW-Bully mit großer Bodenfreiheit. Schlechte Straßen sind für dieses Auto kein allzu großes Hindernis. Helmut fuhr mit uns zu etlichen alten Wohnstätten, in denen Nachfahren der deutschen bzw. münsterländischen Einwanderer unter spartanischen, ja oft ärmlichen Verhältnissen wohnen. Auch das äußere Erscheinungsbild der Menschen und der Behausungen in den Randbereichen der Ortschaften ist sehr oft mit unserer Wohnkultur nicht zu vergleichen. Wenn auch viele Menschen, die wir antrafen, schlecht angezogen waren und die Wohnungseinrichtung recht dürftig ist, das freundliche Wesen, die Gastfreundschaft, die plattdeutsche Unterhaltung und die aufrichtigen Dankesworte für unseren Besuch ließen alles andere vergessen. Das Bewußtsein, daß wir die Menschen sehr schätzen und gern haben, ist bei uns haften geblieben.

Helmut zeigte uns den familieneigenen wildromantischen Wasserfall. An diesem schönen Fleck hatte sein Elternhaus gestanden, und er ist hier geboren. Helmut hatte hier 13 Jahre lang ein mit Wasserkraft betriebenes Sägewerk unterhalten. Aus 160 Metern Höhe hatte er Zementrohre (40 cm Durchmesser) vom Wildbach bis zu seiner Turbine im Sägewerk im Urwaldboden am Hang verlegt. Nur so konnte er den erforderlichen Druck für den Antrieb der Turbine erreichen. Die Bodenplatte und ein Teil der Stützmauern geben noch Hinweise auf seine Unternehmung. Die kleinen Süßbananen werden nach Bedarf und Reife für die Familie und Freunde geerntet. Der Urwald nimmt sich sein Recht und verschlingt auf die Dauer alles, was auf menschliche Aktivitäten hinweist. Am Wasserfall war ich weit voraus auf die großen Findlinge gestiegen. Helmut sagte gerade zu Martin:„Hoffentlich fällt Hildegard nicht“. Doch da war es schon passiert. Die beiden konnten nicht aufhören zu (weinen) lachen, und ich mußte allein sehen, wie ich mich wieder hochkrabbelte. Meine Haut war an einigen Stellen ziemlich abgeschürft.

Helmut erzählte sehr viel über sein Berufsleben als selbständiger Turbinen- und Wasserradbauer, über seine technischen Verbesserungen und die Zeit als Sägemüller mit eigenem Lastkraftwagen. Während er seinen Lebensweg schilderte, kamen ihm oft die Tränen, bittere Tränen. Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges, schwere Unfälle, Engpässe mit dem Geld, geliehen, gestohlen, Unwetter, alles war oft unmenschlich und seelisch schwer zu verkraften. Das Schicksal meinte es nicht immer gut mit ihm. Er besitzt Wald, Wiese und Land, große Flächen (Hanglage und karger Boden), kann aber keinen großen Nutzen daraus ziehen. Er betreibt noch eine Schlosserei, in der er für die Bürger alle Reparaturen „aus alt mach neu“, auch gegebenenfalls an Kraftfahrzeugen durchführt. Es gibt wohl keine Anforderung in seinem Schlosserhandwerk, die er nicht zur Zufriedenheit der Kundschaft ausführen kann.

Martin empfahl ihm, sein Leben mit all seinen negativen und positiven Seiten (dazu gehört auch sicher die Musik und der Gesang) für seine Kinder aufzuschreiben. Die Eheleute haben vier prächtige Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Die positiven Erbanlagen der Eltern werden den Kindern sicher helfen, ein hoffentlich besseres und glücklicheres Berufsleben aufzubauen. Kurt wird in die Fußstapfen seines Vaters Helmut im Schlosserbetrieb treten, und Klaus hat im Schlosserhandwerk die Stortzwerke gegründet und aufgebaut. Gerti ist mit dem Kolonisten Lucas Hemkemeier aus Rio Fortuna verheiratet. Marly ist eine nette, fürsorgliche Frau, sie versorgt Haus und Garten mit vielen Blumen und einer intensiven Pflegearbeit. Man konnte sich bei ihnen wohlfühlen.

Auf der Fahrt in der Richtung zu den Stortzschen Wasserfällen wollte Helmut den gut bekannten Kolonisten und Tierheilpraktiker Weber ohne Terminabsprache besuchen. Er, seine Frau und die Hausgehilfin saßen auf der uns zugewandten kleinen Terrasse des Hauses und sahen uns kommen. Wir mußten das Weidentor öffnen und über unbefestigtes Weideland bis zum Tor an der Gartengrenze fahren. Solch ein Weg wäre in Deutschland undenkbar. Die Eheleute Weber und die Hausgehilfin begrüßten uns herzlich, war doch der Besuch eine willkommene Abwechselung in ihrem tristen Alltagsleben im Außenbereich. Die Land- und Weidewirtschaft hatten die Webers aus Altersgründen bis auf den Eigenbedarf reduziert. Herr Weber erzählte sehr interessant aus seinem Berufsleben als Tierheilpraktiker. Man konnte es spüren, daß seine Tätigkeit sicher mehr Berufung als Beruf war. Er zeigte uns ein altes Buch, das durch gute Illustrationen der verschiedenen Tierkrankheiten und der Geburtshilfe für einen Tierheilpraktiker eine sehr gute Hilfestellung gibt. Er zeigte uns Bilder von Kälbern in der Gebärmutter der Kuh, die in verschiedenen Lagen den Geburtskanal ohne Hilfe des geübten Tierheilpraktikers nicht erreichen würden. Im Kuhleib wird das Kalb mit einer Fehllage von ihm so gedreht, daß es ohne Komplikationen geboren wird. Herr Weber hat sich in seinem langen Berufsleben bei den Kolonisten großes Vertrauen erworben. Ein promovierter Tiermediziner betreut seit einigen Jahren das Vieh der Kolonisten. Bei seinem Praxisantritt bat er Herrn Weber bei vielen Gelegenheiten, ihn durch seine praktischen Erfahrungen zu unterstützen. Der Blick durch die offene Wohnzimmertür und auf das Umfeld der Wohnanlage, das äußere Erscheinungsbild des Ehepaares und der Hausgehilfin vermittelten uns den Eindruck, daß sie sehr spartanisch, aber dennoch sehr zufrieden lebten. Wieder eine herzliche Verabschiedung mit dem Austausch aller guten Wünsche.

Wir besuchten auch, natürlich wieder unangemeldet, die Familie Olinda Koep. Die plattdeutsch sprechende Olinda hat sich sehr gefreut, daß Helmut Stortz sie mit seinen deutschen Gästen besuchte, und wir ihr die Zeit für einen kurzen Besuch schenkten.

Sie bat uns drei, Platz zu nehmen. Die Einrichtung im Wohnzimmer war so dürftig, daß eine der Sessellehnen gleich zu Boden fiel, als Martin sich setzte. Martin sah dann zu seiner Entlastung, daß es eine uralte Bruchstelle war und die Lehne nur mit einem Nagel angeheftet war. Olinda sagte spontan: „Martin, dat mäck nicks, den Sessel wullen wie doch wegschmieten“. Olinda war sehr traurig, daß die in plattdeutsch geführte Unterhaltung durch Helmuts Bitte zum Aufbruch beendet wurde. Nach einem herzlichen Abschied und guten Wünschen für die kommende Zeit fuhren wir weiter. Wir sahen Olinda winken, bis wir mit dem Bully aus ihrem Blickwinkel verschwanden.

In Sichtweite des Wasserfalles der Familie Stortz besuchten wir einen früheren Nachbarn, dessen Name mir entfallen ist. Die Freude über unseren unangemeldeten Besuch war groß. Die nur plattdeutsch sprechende Familie bat uns, in der Diele Platz zu nehmen. Helmut, wir und die Kolonistenfamilie sprachen über viele Dinge des täglichen Lebens und über Gott und die Welt. Die Diele war im Jahre 1931 zum letzten Mal auffallend künstlerisch gestaltet worden. Eine farblich geschmackvoll abgestimmte Bordüre mit einzelnen kreativen Elementen im übrigen Wandflächenbereich zeugen von einer sicher besseren Zeit oder einer willkürlichen künstlerischen Arbeit eines Malers aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis. War das der Grund, daß fast 70 Jahre keine Renovierung mehr durchgeführt worden ist? Ich stellte fest, daß es mir sehr im Nackenbereich zog. Helmut bat, das Fenster zu schließen. Die alte Dame sagte: „Dat nützt nicks, in dat Fenster sind kinne Schieben“. Der Abtritt (WC) ist sehr spartanisch in einer offenen Scheune untergebracht. Die Versorgung des Frischwassers wird von einem höher gelegenen Bach durch eine separate Zuleitung zum Haus geführt. Es lief wie ein Quell unentwegt in einen großen Waschbottich mit Überlauf. Martin konnte sich gar nicht satt sehen an den altertümlichen Gerätschaften und Utensilien in der Scheune und natürlich auch an der Inneneinrichtung des Wohnhauses. Man hatte das Gefühl, die Zeit sei in dem Haus hundert Jahre lang stehen geblieben. Man darf die Lebensverhältnisse in der heutigen Wohnkultur mit ihren Vorzügen nicht kennen, um in diesem Umfeld leben zu können. Die Familie ernährt sich überwiegend von den eigenen Erzeugnissen aus der Land- und Weidewirtschaft. Nach einem herzlichen Abschied und allen guten Wünschen fuhren wir weiter.

Abends gegen 21.00 Uhr fuhren wir zum Fischessen. Es ist ein ehemaliger Kolonist, der abseits der geschlossenen Ortschaft seine Landwirtschaft aufgegeben hatte, um in der Gastronomie seine Lebensgrundlage zu finden. Wir saßen in einer großen Halle, die nach allen Seiten offen war. Der Fußboden ist aus Beton, alles ein wenig rustikal gehalten. Das Essen ist sehr schmackhaft. Es gab gebratenen Fisch und andere Nationalgerichte. Wir probierten immer alles, und es wurde alles nachgebracht, bis wir gesättigt waren. Für Speisen und Getränke bezahlten wir für sieben Personen 22 Reais. Helmut fuhr uns dann sicher über die holprigen Wege nach Hause.

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Samstag, 23.10.1999

Gegen 9.00 Uhr ging es wieder los mit dem VW-Bully. Marly fuhr auch mit. Zuerst besuchten wir den Sohn Klaus. Er baut Trocknungen für die Tabakhäuser und fertigt auch alle anderen Aufträge im Schlosserhandwerk. Er ist ein freundlicher Mann, wie auch Kurt und Gerti. Martin schloß besonders die kleine Heidi, Gertis Tochter, ins Herz. Sie war zwei Jahre alt und hatte für ihr Alter einen außergewöhnlich großen deutschen Sprachschatz. Dann ging es über eine lange schlechte Wegstrecke zu einem Ferienpark, mitten in der Wildnis an einem Fluß gelegen. Der Besitzer hat dort mit Geschick ein Paradies geschaffen, 23 verschiedene Obstsorten, Riesenziersträucher, Weihnachtssterne, eine vielfältige Blumenpracht in allen Farbschattierungen. Es gibt kleine Bogenbrücken über Wasserläufe, Zierteiche, Sitzgruppen, einfach alles, was man sich in dem riesigen Areal nur denken kann. Im Gebäude sind oben acht Gästezimmer. Jeder Raum hat seine eigene Dekoration und Ausstattung. Der Besitzer zeigte uns alles und sagte, daß seine 76jährige Mutter die komplette Innenausstattung entworfen, genäht und angebracht hätte. Leider haben wir sie nicht kennengelernt. Sie muß wohl eine Künstlerin und gleichzeitig eine gute Innenarchitektin sein. Wir aßen dort zu Mittag das brasilianische Nationalgericht Rote Bohnen. Darin waren Schwänzchen, Pfötchen und Rippchen vom Schwein gekocht. Dazu gab es Reis und Salat, und es wurden frische Steaks gebraten, so viel wir mochten. Ein hübscher zehnjähriger Junge, Robert, bediente uns. Er verdiente sich hier sein Taschengeld. Ich gab ihm 1,50 Reais Trinkgeld. Er strahlte mich mit seinen dunklen Kinderaugen dankbar an. Wir waren alle der Meinung, daß aus dem dienstbeflissenen Jungen noch einmal etwas Tüchtiges werden könne. Wir bezahlten für vier Personen 30 Reais für das Essen und die Getränke. Von dort fuhren wir nach Laguna am Meer. Ein wunderschön gelegener Ort in Strandnähe, der von Touristen gerne aufgesucht wird. Martin und Marly suchten Pastor Antônio Gerônimo Herdt auf. Er konnte es nicht fassen, daß ein Mann aus Deutschland gekommen war und ihm die Daten und Stammorte von seinen Vorfahren zeigen würde. Laguna hat einen schönen landesweit bekannten Badestrand.

Bekannt durch die Ereignisse des Guerra dos Farrrapos war Laguna ein wichtiger Kriegsschauplatz. Ein berühmter Name aus dieser Zeit ist der von Anita Garibaldi, der Gattin von José Garibaldi. Das Ehepaar Garibaldi kämpfte in verschiedenen Schlachten, einmal in Brasilien und dann wieder in Italien. Das Bild von Anita Garibaldi aber wurde unsterblich in der Geschichte von beiden Länder. Wenn der Krieg auch schon lange zu Ende ist, so lebt die Geschichte doch in den Museen der Stadt weiter. Sehens- und erlebenswert sind eine große Anzahl von Bädern, Seen und Stränden. Dabei gibt es gute Surfmöglichkeiten an der Praia do Mar Grosso und Möglichkeiten zum Fischen und zum Treiben vieler Wassersportarten. Eine weitere Attraktion von Laguna ist der Karneval. Mit seinen verschiedenen Sambaschulen und Musikgruppen ist der CARNAVAL von Laguna der wichtigste von Santa Catarina. Beginnend mit dem berühmten "Zé Pereira" ist der Karneval von Laguna heute eine der größten Touristenattraktionen von Santa Catarina. Er findet zur selben Zeit statt wie die anderen Karnevalveranstaltungen des Landes, in den hellen Nächten zwischen Februar und März und ist heute der beste von Santa Catarina geworden und einer der besten im Süden Brasiliens. (http://www.santa-catarina.net)

Weiter ging’s zu einer Kirche und einem Friedhof. Das mußte Martin einfach sehen. Unser VW-Bully bekam einen Platten (Reifenschaden), doch Helmut behob den Schaden sehr schnell.

Von dort fuhren wir nach Rio Fortuna. Für die Brasilianer sind das keine Entfernungen. Ich kann auch gar nicht sagen, wieviel Kilometer wir am Tag gefahren sind. Manche Strecken, vor allem die nicht befestigten Wege, kamen uns besonders lang vor, weil wir nur im Schneckentempo fahren konnten. Nun ging’s zu Pater Alfonso Schlickmann (seine Vorfahren stammten aus Schöppingen), den Marly und Helmut gut kennen. Weil in den Kapellengemeinden in festgelegten Zeiträumen der pastorale Dienst bezüglich des Gottesdienstes, der Beichte, der Taufe, der Vermählung, der hl. Kommunion, des Begräbnisses und des Krankenbesuchs im Ort und den weitverzweigten Außenbereichen durchgeführt werden muß, steht den Geistlichen eine Schlafstatt in der Sakristei oder einem Nebenraum der Kapelle zur Verfügung. In der Kapelle von Rio Sao Joao (zur Bürgermeisterei Sao Marthinho gehörend) war der pastorale Dienst in dieser Abfolge für Pater Alfonso Schlickmann lange Jahre Verpflichtung. Weil Pater Alfonso an Asthma leidet, ist die oft sehr feuchte Lufttemperatur in den Kapellenräumen seiner Gesundheit nicht zuträglich.

Die Eltern von Marly Stortz gaben Pater Alfonso einen Schlafplatz und Frühstück, wenn er ihre Gemeinde besuchte. Es ist leicht erklärlich, daß Pater Alfonso zu dieser gastfreundlichen Familie ein ganz besonderes Zugehörigkeitsgefühl entwickelt hat. Nun zurück zum Besuch im Hause des Paters Alfonso. Dort waren aber nur die plattdeutsch sprechende Haushälterin Lena und der Papagei. Wir vier hatten alle ein menschliches Bedürfnis. Lena zeigte uns die Toilette, die von der Terrasse aus zugänglich ist. Während der Toilettenbenutzung machte der Papagei unentwegt einen furchtbaren Radau und großes Gekreische, so daß wir uns kaum unterhalten konnten. Ich fragte Lena, ob der Vogel immer so einen Radau mache, das sei doch wohl unerträglich. Lena antwortete ungefähr folgendes (auf plattdeutsch): „Der Papagei ist nicht immer so gesprächig, aber er sieht, daß ihr alle die Toilettenanlage benutzt, und er ist darüber sehr ärgerlich, denn er meint, daß ihr seinen Raum unbefugt besetzt, weil ich ihn nachts immer dort abstelle“. Wenn Gäste kommen, dann sagt der Papagei spontan auf deutsch und portugiesisch: „Pater Alfonso ist nicht da“. Zu seinem Lebensunterhalt hatte Pater Alfonso, außer einem großen Gemüsegarten, auf der Weide neben seinem Haus noch eine milchgebende Kuh, einen kleinen und einen großen Ochsen laufen. Lena sagte, Pater Alfonso lese zur Zeit eine Brautmesse in einer Kapelle, also ging es etwa 10 km zurück. Doch dort war er nicht mehr, er sei schon wieder nach Hause gefahren, hieß es. Wir fuhren die 10 km wieder zurück zu Pater Alfonso, der schon auf uns wartete und uns herzlich begrüßte. Er hörte Martins Erzählungen über die Auswandererforschung aufmerksam zu und versprach, ihm nach seinen Kräften zu helfen. Um 21.00 Uhr waren wir wieder bei Stortz und nahmen eine Mahlzeit ein. Bis 0.30 Uhr wälzten wir Probleme und versuchten, die Welt zu verändern. Helmut hatte inzwischen noch eine Dichtung am Bully erneuert. Marly und Helmut freuten sich, daß wir nicht nur reden, sondern auch zuhören können. Marly schenkte mir Pfeilspitzen, die von Indianern für die Jagd gebraucht wurden. Ich, wie auch Martin, wissen die Kostbarkeiten sehr zu schätzen. 

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Sonntag, 24.10.1999

Um 7.00 Uhr wurden wir von unseren netten Gastgebern geweckt. Nach dem Frühstück wurden im Garten Ableger gesammelt. Alles wurde gut verpackt. Der Aufenthalt bei Marly und Helmut Stortz ging zu Ende. Sie lieferten uns mit ihrem Bully um 9.45 Uhr pünktlich bei Pater Sérgio in Armazém ab. Pater Sérgio las noch die Messe in der Pfarrkirche, die nächste in der Kapelle São José war um 11.00 Uhr. Pater Sérgio erzählte uns, daß er in den zwei Tagen unserer Abwesenheit die schon erwähnten zwei Beerdigungen vorgenommen, zwei Paare getraut und sieben Kinder getauft habe. Er sagte uns, daß er jede Messe mit der gleichen Andacht lesen könnte. Pater Sérgio Hemkemeier muß als Pfarrer einen sehr großen Pfarrbezirk mit einer Kapellengemeinde betreuen. Er ist immer freundlich und gut gelaunt. Woher nimmt der 76jährige Pfarrverwalter nur die Kraft? Pater Sérgio ist ein guter Seelsorger, der nicht müde wird, an der Stelle zu helfen, wo er gebraucht wird. Das Telefon bei ihm steht nicht still. Jeder will seinen Ratschlag. An manchen Tagen gibt er bis zu 40 Gläubigen priesterlichen Rat und psychotherapeutischen Beistand.

Abschied von Marly und Helmut. Ob wir sie noch einmal wiedersehen? Schnell ins andere Auto und ab! Während der Messe in der Kapelle war eine Taufe. Pater Sérgio machte es wie immer ganz locker. Heute ist Missionssonntag. Es wird gesammelt. Es ist so, daß das Körbchen beim Altar steht, und jeder, der etwas hineinlegen will, geht hin. Hier aber ging ein Gottesdiensthelfer einsammeln. Der Holzkasten wurde aber nicht weitergereicht, sondern wer etwas geben wollte, hob die Hand. Wir legten für die gute Sache 10 Reais in den Sammelkasten. Pater Sérgio schickte den Mann aber noch mal durch die Kirche, er meinte, er hätte nicht überall das Spendengeld eingesammelt. Dann fragte er Martin: „Martin, willst Du auch was hineintun?“ Martin sagte mit lauter Stimme: „Hab ich schon.“ Stellt euch das in Osterwick vor! Durch die Messe führte eine junge, hübsche Lektorin. Sie und Elise füllten den Kirchenraum mit ihrem schönen Gesang. Vor der Messe hatte Pater Sérgio den Gläubigen schon angekündigt, daß ein deutsches Ehepaar zu Gast in der Kirche sei. Pater Sérgio bat Martin und mich, nach der Messe zum Altar zu kommen, um uns vorzustellen und noch etwas über die Forschung zu berichten. Na ja, wir waren es jetzt schon gewohnt. Raus aus der Bank und vor den Altar. Martin faßte sich kurz, brachte aber die richtigen Worte. Er sprach in groben Zügen über die Auswandererforschung, dankte all den Familien, die uns so freundlich begrüßt oder aufgenommen hatten, lobte die wunderschöne Kapelle, auf die sie stolz sein könnten, und besonders ihren Pfarrer Pater Sérgio. Die Gemeindemitglieder könnten sich glücklich schätzen, daß sie so einen guten Pfarrer und Arbeiter im Weinberg Gottes hätten. Dann drückte Martin Sérgio an seine breiten Schultern. Die Gläubigen klatschten, und die Kinder sahen uns an, als wären wir von einem anderen Planeten gekommen. Pater Sérgio sagte Martin später, das würden die Menschen hier nicht vergessen, daß einer aus Deutschland gekommen sei und ihre Kirche bewundert habe. Sie hätten alle so große persönliche Opfer für ihre Kapelle gebracht. Pater Sérgio rief vom Altar: „Hildegard, hast Du schon ein Foto gemacht?“ Ich fotografierte dann noch die Familie mit dem Täufling.

Elise blieb an dem Sonntag bei ihrer Familie, São José ist ihr Heimatort. Wir fuhren über Rio Fortuna zum Hof Hemkemeier;  lange Wege waren uns schon nicht mehr fremd. Aber was uns da erwartete, werden wir nicht vergessen! Onkel, Tanten, Bettinas Kinder mit Partnern und Kindern und wir waren insgesamt 36 Personen. Es war eine richtige Begrüßungszeremonie, so viele Leute, bei jedem 3 Küsse. Sie hatten eine überdachte Halle, drei Seiten offen, zwei riesenlange Tische und Bänke, seitlich die Feuerstelle. Ich weiß nicht, ob sie einen Ochsen geschlachtet hatten. Lucas, der Jungbauer, hielt vor dem Essen eine kurze Ansprache, in der er uns alle herzlich willkommen hieß. Es gab gut gebratenes Fleisch und Salate, sehr lecker, dazu Bier und Limonade. Von den Töchtern hatte wohl jede durch mitgebrachte köstliche Salate einen Beitrag zu dem Festmahl geleistet. Eine Art Eisbonbon gab es als Nachtisch. Bettina sagte zu mir: „Wus auk en Zuckerstenken hebben?“ Sie erzählte unter anderem, daß sie in der vergangenen Woche noch eine Affenmutter mit ihrem Kind am Tabakfeld gesehen hätte. Lukas, der Hoferbe, zeigte uns dann seine Ställe, Maschinen und die zwei Zugochsen, danach das Haus. Es sei 1931 gebaut worden, und in den vergangenen Jahrzehnten seien keine großen Veränderungen der Inneneinrichtung vorgenommen worden. Es umfaßte eine große Küche, kleine Zimmer, Badezimmer und eine Diele. Gerti Stortz (die Tochter von Marly und Helmut Stortz) ist mit Lukas Hemkemeier verheiratet. Aus der Ehe ging die süße kleine Tochter Heidi hervor. Im Garten wuchs alles gut und reichlich wie bei uns, jedoch das ganze Jahr hindurch. Dazu gibt es viele Pfirsiche und Apfelsinenbäume und noch viele andere Früchte, die wir nicht kannten. An einem Strauch hingen kleine Früchte, fast so wie kleine längliche Apfelsinen. Man muß sie mit der Schale essen, dann sind sie sehr süß. Martin biß die Frucht durch, und mir spritzte der Saft ins Gesicht und in die Augen. Im ersten Moment konnte ich nichts sehen. Ich setzte meine Brille ab und meine Tränen liefen in Strömen. Die kleine Heidi sah es und sagte: „Tante, muß nich brüllen“. Sie wird im November zwei Jahre alt. Was wird wohl aus der Kleinen werden? Sie ist klug, wie wir es bei einer Zweijährigen noch nicht erlebt haben.

Martin und ich wurden immer wieder angesprochen, um einiges über Sitten und Gebräuche im Stammland Deutschland zu erfahren. Martin unterhielt sich lange mit dem Bruder von Sérgio. Der über 70jährige Frederico Hemkemeier war Landwirt unweit des Elternhauses. Ihre Unterhaltung wurde natürlich in Münsterländer Platt geführt. Er deutete Martin ganz geheimnisvoll an, daß er ihm etwas im Wohnhaus zeigen wolle, was ihn sicher interessieren würde. Sie gingen von der festlichen Halle ins Wohnhaus, dann ging Frederico in das Zimmer, das seinem Bruder Pater Sérgio als verbliebener Platz im Elternhaus vorbehalten ist. Er kramte ein wenig in dem Zimmer, um dann mit einer Plastiktüte zu erscheinen. Frederico zog den Inhalt aus der Tüte, und hervor kam Martins Buch „Elsen“. Er wußte bis dahin nicht, daß Martin der Autor des Buches war. Nun mußte er sein Buch mit Stolz in der Festhalle zeigen. Das verlieh Martins Buch für alle Gäste einen ganz besonderen Wert. Martin hatte Pater Sérgio sein Buch mit Widmung zum goldenem Priesterjubiläum in unserem Hause am 12.9.1998 geschenkt. Nach einer reich gedeckten Kaffeetafel mit Kuchen und etlichen Torten, die mit frischen Früchten garniert waren, mahnte Sérgio zum Aufbruch. Nach der großen, herzlichen Verabschiedung und unserem Dank an die Gastgeber für die festliche Einladung waren wir zur Abfahrt bereit. Um 16.30 Uhr starteten wir und fuhren durch den teilweise unberührten Urwald. Sergio sagte, daß er an dieser Stelle, wenn er das Elternhaus besuche, mit seinem Wagen anhalte und ein Gebet spreche. Wir können die Ehrfurcht vor der unberührten Natur nachvollziehen.

Wir besuchten nach vorheriger Absprache den 87jährigen Robert Tenfen. Die Familie hatte uns schon auf der Terrasse erwartet und begrüßte uns recht herzlich. Herr Tenfen hat ein Buch über die Besiedlung von Rio Fortuna geschrieben. Martin und Alfred Efting in Dorsten besitzen schon einige Jahre sein Buch und stehen mit ihm in Briefkontakt. Er war Schullehrer und über Jahrzehnte ein geschätzter Chorleiter in Rio Fortuna. Auftritte des Chores in verschiedenen Orten im Staate Santa Catharina hatten den Chor weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt gemacht. Es ist ein sehr vornehmes Wohnhaus. Sie boten uns Kaffee und frischen, warmen Kuchen an. Das Hausmädchen stand immer bereit, uns dienlich zu sein, nahm aber nicht an unserem Tisch Platz. Der Schwiegersohn ist Arzt. Pater Sérgio verließ uns für kurze Zeit, um mit Pater Alfonso über seine Terminplanung für den morgigen Tag zu sprechen. Wir wußten noch nicht, was uns morgen erwartete. Nach der Verabschiedung von der Familie Tenfen fuhren wir noch mit Heinrich Michels und Elise zu einer Fischteichanlage mit Restauration und Festhalle. Nach einem Spaziergang um den „Binnensee“ labten wir uns alle, bevor wir wieder nach Armazém aufbrachen, an den dicken, saftigen Jaboticabafrüchten, die aufgereiht wie Perlen direkt an den Baumstämmen wuchsen. Uns allen reichte die Nahrungsaufnahme für heute.

Wir, Sérgio, Elise, Heinrich, Martin und ich tauschten noch Erlebnisse aus und tranken eine Tasse Tee. Martin hatte noch das Bedürfnis, wenigstens telefonisch mit dem Zahnarzt Lorenz Oenning (die Vorfahren stammen aus Eggerode) zu sprechen. Die Forschergruppe hat seit einigen Jahren brieflichen Kontakt mit ihm. Er war hoch erfreut, Martin zu hören, bestand jedoch darauf, ihn persönlich kennenzulernen und zu sehen. Er fuhr sofort mit seinem Auto von Braço do Norte zu Heinrich Michels in Armazém. Martin erwartete ihn dort mit Heinrich und Joana. Martin hatte mit ihm natürlich in plattdeutsch eine angeregte Unterhaltung über die Familienforschung. Es war interessant, daß Martin in den Familienunterlagen von Oenning seine Listen und abgelichteten Briefe mit Forschungsergebnissen, die er anderen Familien vor ca. fünf Jahren zukommen ließ, wiederfand. In Forscherkreisen ist es in Brasilien sowie in anderen Orten auf der Welt üblich, daß die Forschungsergebnisse durch Kopien ihre Runde machen. Es könnte ja der rettende Strohhalm gefunden werden. Nach der Verabschiedung und dem Versprechen, daß der Briefkontakt nicht einschlafen werde, kam Martin um 22.00 Uhr zurück. Es ist immer wieder festzustellen, daß sich alle Leute freuen, wenn sie mit uns plattdeutsch sprechen können und sich für das persönliche Kennenlernen bedanken. 

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Montag, 25.10.1999

Nach dem Frühstück rüsteten wir uns um 9.00 Uhr zu noch unbekannten Taten. Bei Pater Sérgio wußten wir selten, was er mit uns vorhatte und wo das nächste Ziel sei. Im Auto sprach ich heute ein Gebet zur Muttergottes. In Braço do Norte sprach Martin mit der Witwe Maria Schlickmann Brüning wegen der Ausleihe der Aufzeichnungen ihres verstorbenen Mannes, des Bürgermeisters Daniel Brüning. Er hatte geplant, ein Buch über den Ort Braço do Norte zu schreiben. Sie überließ uns die Informationen auf unbestimmte Zeit, damit Valberto Dirksen alles durchsehen und eventuell auswerten könne. In der Pfarre São Ludgero gab Martin die Chronik der Pfarre nach der Ablichtung für unsere Forschergruppe zurück. Wir begrüßten noch die unverheiratete Lehrerin Iva Buss, die in der Schule neben dem Pfarrhaus ihren Dienst tut. Sérgio ist sehr gut mit der Familie bekannt. Zur Kaffeezeit waren wir dort am Nachmittag eingeladen. Über Rio Fortuna und über einen mit Schlaglöchern übersäten langen, unbefestigten Weg, weit ab von der Stadt, gelangten wir zu Maria Salete Schür(h)off. Pater Alfonso Schlickmann mit Haushälterin Helena und Adolf Schlickmann, Bruder von Pater Alfonso, mit Frau waren schon da und hatten in Gemeinschaftsarbeit ein tolles Essen für uns vorbereitet. Es gab Schnibbelbohnengemüse, knusprig gebratene Hähnchenteile, Linsen, Rote Beete, Möhren und als Nachtisch Pfirsiche. Jetzt erfuhren wir erst, daß die Besitzer des Anwesens, das Ehepaar Schüroff, uns einfach nur eingeladen hatten, um uns zu sehen und kennenzulernen. Er ist ein selbständiger Schreinermeister mit sieben Angestellten in seiner Werkstatt und spricht noch etwas plattdeutsch. Sie verstand uns zwar nicht, jedoch sprang der Funke sofort über. Eine ganz sympathische, hübsche Frau, die als Masseuse ihren Beitrag für die Familie leistet. Die Leute kamen ins Haus, legten sich auf ihr Bett, und sie stand gebückt davor und massierte sie. Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus, wie unkompliziert, ohne eine Massageliege, die schwere Massage durchgeführt wurde. Uns war es schon peinlich, wie die Menschen sich um uns bemühten und sich für unseren Besuch bedankten. Maria Salete drückte uns zum Abschied so fest und herzlich, sprach dabei viele portugiesische Worte und verabschiedete uns mit einem Kuß. Als wir zur Abfahrt einstiegen, wurden wir mit dem Abschiedslied „Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, bleibt nicht so lange fort“ (natürlich in deutscher Sprache) entlassen. Wieder haben wir Menschen kennengelernt, die man gern haben muß.

Es war 15.00 Uhr, die vereinbarte Zeit für die Einladung bei den beiden Buss-Damen in Braço do Norte zu einer Tasse Kaffee. Senhora Iva Buss ist Lehrerin, wie ich schon erwähnte, sie lebt mit ihrer 83jährigen Mutter zusammen. Nach dem Zustand des Hauses und der Einrichtung zu urteilen, sind es wohlhabende Leute. Die Mutter erzählte in plattdeutscher Sprache, sie hätte neun Kinder gehabt, davon drei Frühgeburten, und zwei Stiefkinder aus der ersten Ehe ihres Mannes. Sie sei neunzehn Jahre mit ihrem Mann verheiratet gewesen. Sein Wunsch war es, fünfzehn Kinder zu haben. Sie hatte in ihrem Elternhaus eine schwere Jugend. Der Vater war sehr streng, er hatte seine Kinder immer zum Arbeiten auf dem Feld angehalten. An ihre Jugendzeit denkt sie nur ungern zurück. Die Wege zum Melken der Kühe und zu der übrigen Feldarbeit mußten alle zu Fuß bewerkstelligt werden. Die Tochter war fünf Jahre, als der Vater starb. Da hatte sie schon als Kleinkind gesagt, ich heirate nicht, ich paß auf Mutter auf. Nach einer angeregten plattdeutschen Unterhaltung über die Vergangenheit und Gegenwart schaute Pater Sérgio auf seine Uhr, die Zeit unserer nächsten Einladung rückte näher.

Sie bedankten sich für unseren Besuch und waren traurig, daß wir nicht viel gegessen hätten, und vor allen Dingen bedauerten sie, daß wir nicht länger bleiben konnten. Wieder eine herzliche Verabschiedung und schon ging es weiter!

Die nächste Station war Pater Josef Kunz, der in Termas de Gravatal an der Daniel-Brüning-Straße wohnt. Er hatte schon im Pfarrhaus angerufen, ob wir nicht kämen. Er hatte für Martin noch etwas zurechtgelegt und freute sich, uns noch einmal zu sehen.

Nach der Verabschiedung von Pater Josef Kunz fuhren wir um 17.00 Uhr zum Pfarrhaus. Wir machten uns auf die Schnelle frisch für den nächsten Besuch bei August Brüning, der in der Familie seiner Tochter und seines Schwiegersohnes lebt. Er erzählte uns in unserer Mundart, er hätte immer gern nach Deutschland gewollt, es fehlte jedoch immer das Geld, und jetzt wäre er alt und krank. Doch die Augen strahlten, als Martin ihm seine Aufzeichnungen seiner ausgewanderten Vorfahren in seinen Unterlagen zeigte. Die Enkeltochter wich nicht von unserer Seite, sie fand die deutsche Sprache recht interessant. Der Abschied mußte sein, weil uns noch eine Verabredung mit einem noch unbekanntem Ausgang an diesem Abend erwartete. Weiter ging es nach São Martinho, wo die Storz-Familie für uns etwas im Haus des Sohnes Klaus vorbereitet hatte. Helmuts und Marlys Söhne, Klaus und Kurt mit Frauen, ein Neffe und zwei Enkelinnen, alle in Trachten gekleidet, nahmen Aufstellung für eine ganz private Darbietung.  Die Gitarren wurden gestimmt, und dann begann der musikalische Ohrenschmaus, gespielt und gesungen mit einem beachtlichen Repertoire deutscher Lieder. Ein großes Glas, gefüllt mit Berkenbrock-Schnaps, machte zwischendurch die Runde. Dann hieß es: „Laßt uns noch einen brennen“. Gegen 22.00 Uhr wurden noch verschieden zubereitete Pizzas gemeinsam gegessen. Dieses für uns arrangierte „Privatkonzert“ werden wir wohl nie vergessen. Die letzte herzliche Verabschiedung von der Familie Stortz mit einem Dank für die gelungene Überraschung war der Ausklang des erlebnisreichen Tages. Es war nach 23.00 Uhr, als wir in Armazém ankamen. Pater Sérgio mußte noch einem Schwerkranken die Krankensalbung spenden. Das Krankenhaus ist in der Nähe des Pfarrhauses. Die Uhrzeit spielt im pastoralen Dienst in Brasilien keine Rolle. Pater Sérgio wurde des öfteren nachts angerufen. Wenn wir seine gestörte Nachtruhe des Morgens beim Frühstück bedauerten, sagte er: „Wenn ich des Nachts dreimal durch ein Telefonat geweckt werde, dann habe ich doch das große Vergnügen, insgesamt viermal einzuschlafen.“ Ist das nicht wunderbar, wenn man es versteht, aus jeder Situation das Beste zu machen? 

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Dienstag, 26.10.1999

Nach einer letzten guten Nachtruhe in der schönen pastoralen Herberge wurde um 8.00 Uhr gefrühstückt. In der Hauskapelle spendete uns Pater Sergio den Reisesegen. Wir nahmen Abschied von Elise. Wir haben sie und sie hat uns wohl richtig gern gehabt. Wir drückten uns und verabschiedeten uns mit den in Brasilien üblichen drei Küßchen. Martins und meine Augen, wie die von Elise, wurden feucht. Sie ist wirklich ein Juwel und nicht so schnell als Hausdame für den Pfarrverwalter Sérgio zu ersetzen. Wir nahmen Maria Salete Schüroff von einem verabredeten Haltepunkt mit nach Florianópolis. Sie ist eine ganz angenehme Person. Zwischendurch streichelte und behandelte sie meine von Mückenstichen zerschundenen Hände. Unterwegs machten wir an einem Verkaufsstand halt und tranken Zuckerrohrsaft, dazu aßen wir etwas Mais in einer Teigtasche. Vier Teilchen, vier große Gläser Zuckerrohrsaft kosteten insgesamt 6 Reais. Mit den Preisen kann man als Urlauber wirklich zufrieden sein.

Wir trafen genau um 12.00 Uhr beim Schwesternhaus in Florianópolis ein. Sérgios Schwester Anna (Nonne) hatte uns schon erwartet und begrüßte uns. Sie bot uns gleich ein schon für uns vorbereitetes Mittagessen an. Nachdem wir uns in unserer Mundart unterhalten hatten, zeigte Sérgios Schwester uns den Klostergarten und die Hauskapelle. Gegen 13.00 Uhr holte Valberto uns ab. Abschied von dem fürsorglichen Pater Sérgio. Wir sind ihm sehr dankbar, daß er uns so viele Eindrücke durch die gemeinsamen Besuche bei den Familien und den Ausflügen vermitteln konnte. Ich glaube auch, daß es für Sérgio eine schöne Erfahrung war, Martin als Mittler zwischen dem Stammland Deutschland und dem brasilianischen Münsterland zu erleben. Er hatte es sicherlich nicht erwartet, daß die Resonanz unseres Besuches so viele Leute motivierte, ihn anzusprechen und uns einzuladen, mit ihnen zusammen zu sein.

Bei Valberto ruhten wir uns erst einmal aus. Er mußte dienstlich zur Universität. Dulce hatte heute Geburtstag. Martin und Valberto riefen noch etliche Leute an, mit denen Martin schon jahrelangen Briefkontakt hat, weil ein Besuch dort aus Gründen der großen Entfernungen in Brasilien nicht durchführbar war. Wir gingen um 22.00 Uhr schlafen, weil wir ziemlich geschafft waren.

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Mittwoch, 27.10.1999

Um 9.30 Uhr wurde gefrühstückt. Valberto mußte bis ca. 12.00 Uhr zur Universität. Ich konnte unsere Tochter Martina anrufen. Wir beide waren ganz glücklich, unsere Stimmen zu hören. Alles war gut. Pater Sérgio rief um 8.30 Uhr schon an, wollte wissen, wie wir geschlafen hätten. Elise sagte in deutsch „Guten Morgen, Hildegard und Martin“. Sie beklagte sich, daß ihr Haus ohne uns so leer sei und wir das „Heimweh nach uns“ im Haus zurückgelassen hätten. Pater Sérgio will vielleicht im Jahr 2000 nach Deutschland kommen und bei uns in Osterwick eine Messe in plattdeutscher Sprache lesen. Nach dem Mittagessen fuhr Valberto mit Martin zum Staatsarchiv. Sie sahen Original-Landbesitzdokumente der Kolonisten, Schiffspassagierlisten und andere für die Auswandererforschung wichtige Dokumente ein. Es war für Martin eine hochinteressante Erfahrung. Ich mußte in meinem Tagebuch noch einige Erlebnisse festhalten und alles Wichtige aufschreiben, damit der spätere Reisebericht keine Lücken hat. Heute war ein Regentag, wir ruhten uns aus. Nach 19-jähriger Suche hatte Martin die 1862 nach Brasilien ausgewanderte Familie des Henrich Küper (Holz/Richters) vor ca. einem Jahr in Rio Novo S.C. gefunden. Gegen 19.00 Uhr fuhren wir mit Valberto zu Fridolino David und seiner Frau Rosa, einem Nachkommen der Familie Küper / David. Er besitzt ein kleines, aber schönes Häuschen in Florianópolis. Er ist ein lebendes Geschichtsbuch. Er konnte sehr viel über die familiären Zusammenhänge der frühen Zeit in einem sehr guten Plattdeutsch erzählen. Zur Bestätigung sagte er immer: „Gewiß, gewiß!“. Seine Frau trafen wir an diesem Abend nicht an, weil sie ihre schwerkranke Schwester besuchen mußte. Mit seiner Frau spricht er auch nur plattdeutsch. Wenn seine Frau Rosa sich während der Unterhaltung vergißt und in der Landessprache weiter spricht, schweigt Fridolino so lange bis Rosa ihre Entgleisung bemerkt und in der plattdeutschen Sprache die Unterhaltung mit ihrem Fridolino weiterführt. Fridolino sagte uns: „Ick will de plattdütschke Sprok min ganze Liämen behollen bes an minen Daud“. Er bedauerte, daß wir nicht länger bleiben konnten. Doch wir sahen ihn am Samstag in Rio Novo noch einmal wieder. Martin ist der zweite Deutsche, den er in seinem Leben gesehen hat. Über diese Familie möchte ich später noch etwas erzählen. Wir verabschiedeten uns von Fridolino und freuten uns, daß wir ihn am Samstag wiedersehen würden. Es regnete auf der Heimfahrt. Wir trafen um 22.00 Uhr zu Hause nach einem erlebnisreichen Tag ein.

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Donnerstag, 28.10.1999

Valberto, Martin und ich fuhren zur Universität. Wir sahen Valbertos Wirkungskreis und sein Büro. Ein kurzer Besuch bei einem stellvertretenden Direktor, mit dem Valberto über unser Forschungsprojekt sprach. Valberto ließ für Martin noch wichtige interessante Ablichtungen für die Forschung anfertigen. Wir tranken noch gemütlich gemeinsam eine Tasse Capuccino. Ich kaufte ein Klöppeldeckchen für 12 Reais als Andenken. In der Bank tauschten wir Geld, für 1 Dollar bekamen wir 1,92 Reais. Wenn wir mit unserem Geld hier leben würden, könnten wir uns sehr viel erlauben. Ich bin dankbar, daß es uns gut geht. Hier leben viele Menschen unwürdig in Hütten (Favelas) an den Stadtgrenzen.

Um 19.00 Uhr war das Ahnenforschertreffen in einer Gaststätte. Die Wirtin ist eine nachgeborene Berkenbrock. Es waren etwa 22 Personen, 1 Bischof, 1 Monsignore, 1 Pastor. Viele sprachen deutsch und auch plattdeutsch. Es gab ein reichhaltiges Essen, wir konnten uns bedienen und brauchten nicht zu bezahlen. Es waren viele junge Leute, Historiker, Professoren, Familienforscher und Auswandererforscher dabei. Martin erzählte die spannende Geschichte von der Auswanderin Katharina Krämer / Berkenbrock. Die Wirtin war sehr gerührt, so interessante, ihr unbekannte Informationen über ihre Ahnmutter zu erfahren. Frau Else Philippi und Valberto übersetzten Martins Ausführungen. Viele hatten spezielle Fragen zur Auswandererforschung. Mehrere der Anwesenden waren gekommen, weil sie Martins Artikel in der Brasil-Post gelesen hatten. Herr Osias Alves, ein Reporter, war gekommen, um einen Termin für ein Interview für seine Zeitung zu machen. Der Abend war für Martin sehr wichtig. Unter Gleichgesinnten unsere Auswandererforschung vorzustellen, war ja ein wichtiger Bestandteil unserer Reise. Wenn in beiden Ländern eine Forschergruppe die gleichen Ziele verfolgt, kann die gemeinsame Arbeit nur fruchtbar sein.

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Freitag, 29.10.1999

Nach dem Frühstück starteten wir um 8.00 Uhr zunächst zur Universität, weil Valberto noch Verpflichtungen hatte. Nach einer kurzen Verweildauer fuhren wir in einen schönen, sonnigen Frühlingstag. An sehr schönen Aussichtsplätzen hielten wir an und genossen den Ausblick auf das Meer und die Strände. An einem Rastplatz tranken wir wieder Zuckerrohrsaft mit Limonensaft. Wir fuhren nach Camboriú S.C., dort ist ein wunderschöner weißer Sandstrand. Ich zog meine Schuhe aus und ging ins Wasser. Das Meerwasser war herrlich erfrischend. Eine Welle, mit der ich gar nicht gerechnet hatte, erwischte mich, und meine Hose war bis zu den Knien naß. Wir waren noch in einem Geschäft, um ein Andenken zu erwerben. Wir kauften eine wunderschöne Muschel für 27 Reais. Valberto zeigte uns noch das schöne Sommerhaus von Olinda und Vital unweit des Strandes. Eine Wohnung hatten sie vermietet und die zweite Wohnung stand ihnen für den geplanten Strandurlaub zur Verfügung. Dann fuhren wir am Strand entlang und genossen den herrlichen Anblick der Landschaft und des Meeres.

               Balneário Camboriú, ist ein bekanntes touristisches Zentrum im Bundesstaat Santa Catarina. Der Badeort liegt an der Mündung des Flusses Itajaí-Açu. Das Klima ist gemäßigt, wenn auch die mittlere Temperatur in den Monaten Dezember bis März bei ca. 35° liegt. Im Winter ist es mild. Die Bevölkerungszahl des Kernortes Camboriú liegt bei ca. 70.000 Einwohnern, die aber in der Hochsaison Dezember bis Februar zusammen mit Balneário Camboriú 1.000.000 (!) überschreitet. Die Hauptattraktion von Camboriú sind seine Strände, die durch die Avenida Atlantica begrenzt werden. Diese und die vielen "Kioske" sind "der" Treffpunkt der Stadt. Einer der schönsten Punkte ist die Ilha das Cabras, welche mit dem Schiff besucht werden kann. Andere Attraktionen sind die Kirche Santa Inês, gebaut in Form eines Strohhutes, die Kirche von Santo Amaro, welche von der Königsfamilie besucht wurde; sie beherbergt auch seltene Objekte von großem historischen Wert. Weiter der Park von Camboriú, gelegen am Ende der BR 101, wo der Besucher die Wurzeln des Staates kennenlernen kann. Die neueste Attraktion ist der 33 Meter hohe Cristo Luz, von dem man einen "traumhaften Ausblick" hat. Dies alles wird vervollkommnet von weiteren sieben Naturstränden. Während der Monate März bis Dezember ist Balneário Camboriú Kongress-Stadt. Die Stadt bietet in 75 Hotels eine Kapazität von 11.000 http://www.santacatarina.net/  Betten, dazu 150 Restaurants und unzählige Bars, ein Veranstaltungszentrum von  (Santa Catarina Turismo) mit 5.000 m² und einem Auditorium für 2.500 Sitzplätze. (http://www.santacatarina.net)

In Itajaí wartete die Familie Anton Effting auf uns, um uns zum Mittagessen einzuladen. Als wir eintrafen, gab es eine herzliche Begrüßung, hatten wir uns doch alle schon auf der goldenen Hochzeit der Eheleute Berkenbrock kennengelernt. Der Tisch war so reichlich gedeckt, wie wir es schon des öfteren erlebt hatten. Doch hier gab es auch Pudding und vorher eine Pina Colada. Der Sohn, Jaimy, mit dem unsere Forschergruppe schon einige Jahre Briefkontakt hat, übernahm die Forschungsergebnisse seiner Tante Maria Tabita Effting Feuser in Vargem do Cedro. Er will, wie er mir sagte, die Familienforschung Effting weiter fortsetzen. Sein Vater Anton Effting hat einen Laden für Tiermedizin und Samen aller Art. Als wir uns verabschiedeten, kam noch Herr Bläser aus Itajaí, den Bernhard und Annemarie Wieskus aus Coesfeld uns als angenehmen, geselligen Menschen empfohlen hatten. Nach der Begrüßung hätte er uns gern seine Orchideenzucht gezeigt. Wir hatten jedoch keine Zeit mehr. Nach der Verabschiedung von der großen Familie Effting und Herrn Bläser fuhren wir den gleichen Weg zurück, den wir auf der Hinfahrt gewählt hatten.

Azorischen Ursprungs besitzt Itajaí einen der wichtigsten Häfen im Norden des Bundesstaates Santa Catarina. Die Bevölkerung zählt mehr als 90.000 Einwohner und die Stadt ist heute ein touristisches und wirtschaftliches Zentrum. Außer einer guten Hotellerie besitzt Itajaí auch Restaurants, Bars und andere Attraktionen, wie die Kirche, die im gotischen Stil erbaut und mit Gemälden von Aldo Locatelli und Emilio Sessa ausgestattet wurde. In der Stadt gibt es 3 Museen und viele Monumente auf den verschiedenen Plätzen der Stadt. Im Süden, wo die Strände liegen, erweckt der Bico do Papagaio Aufmerksamkeit: ein eigenartiger Stein in Form eines Vogelkopfes. Ein Leuchtturm wurde 1902 in Betrieb genommen. Die Marejada oder das "Portugiesische Fischerfest" nahm 1987 in Itajaí seinen Anfang und machte damit das touristische und wirtschaftliche Potential der Stadt und der Region bekannt. Im Zentrum der Veranstaltungen von Itajaí-Tur gibt es Attraktionen wie portugiesische Folkloregruppen, Shows, Tanzveranstaltungen, nationale und internationale Musikkapellen. Eine weitere Attraktion sind die typischen portugiesischen Gerichte, die man in den verschiedenen Restaurants bekommt. Die typischen Fischgerichte sind: Stockfisch-Knödel, grüne Suppe, Fischpasteten und Meeresfrüchte. Vergnügen gibt es beim Essen und bei den Veranstaltungen. Gleichzeitig findet die Handels- und Industrieausstellung statt, die Produkte aus der Region zeigt, sowie Textilien, Konfektion, Kunsthandwerk (http://www.santa-catarina.net) und Souvenirs.

Um 16.00 Uhr trafen wir pünktlich in der Redaktion des Herrn Alves in Biguacu ein, um ein gemeinsames Interview für einen Artikel in seiner Zeitung zu führen. Während uns Herr Alves über unsere Aktivitäten in der Auswandererforschung befragte, bot uns seine Mutter Kaffee an. Nachdem die Aussprache für Herrn Alves ausreichend abgeschlossen war, folgte die Verabschiedung, und schon waren wir wieder auf dem Weg nach Florianópolis. Wir gerieten in einen endlosen Stau, dazu war es auch noch sehr warm.

Wir holten in Florianópolis noch die entwickelten Filme ab. Die Entwickelung eines 36er Filmes kostete 16,50 Reais. Als besonderen Service konnte man drei Bilder kostenlos vergrößern lassen.

Nach dem Essen waren wir bei der Familie Raulino Jungklaus eingeladen. Verena, seine Frau, spricht sehr gut deutsch. Sie haben drei aufgeweckte Kinder, natürlich ist er auch ein ernstzunehmender Forscher in der Auswanderer- und Familienforschung. Er zeigte Martin in seinem Arbeitsraum die erarbeiteten Forschungsergebnisse. Seit vielen Jahren besucht Raulino die Friedhöfe beider Konfessionen in Santa Catarina, um die kompletten Grabinschriften mit den Lebens- und Sterbedaten für die spätere Forschungsgrundlage festzuhalten.

Verenas Familie ist auch deutscher Herkunft. Natürlich ist ihre Familiengeschichte in einem Büchlein mit größter Sorgfalt festgehalten worden. Sie ist Lehrerin und spricht ein sehr gutes Deutsch. Es waren unterhaltsame Stunden im Kreise der Familie Jungklaus. Um 22.00 Uhr waren wir wieder zu Hause und gingen schnell zu Bett, weil wir rechtschaffen müde waren. 

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Samstag, 30.10.1999

Wir fuhren mit Valberto und Dulce nach dem Frühstück zu dem Platz St. Amaro da Imperatriz, wo die warmen Quellen bis zu 40°C. aus der Erde sprudeln. Zu dem Gebäudekomplex mit den erforderlichen Gesundheitsanlagen für Kuraufenthalte, gehörte ein großer, gepflegter Park mit einem kleinen offenen Museum in den Anlagen, einer Hängebrücke, die über einen Wildbach führt, rundherum ist alles wunderbar angelegt. Wir mußten weiter, weil wir die nächste Verabredung pünktlich einhalten wollten. Der Historiker und Buchautor Toni Jochem, der uns schon in Osterwick besucht hatte, erwartete uns in Aguas Mornas vor dem Gemeindehaus. Dann kam auch schon der Bürgermeister im Gemeindebully vorgefahren. Der VW-Bully mit der großen Bodenfreiheit war genau das Richtige für unsere bevorstehende Unternehmung. Unterwegs stieg der stellvertretende, deutsch sprechende Bürgermeister auch noch zu uns. Zunächst besichtigten wir eine Kuranlage. Sie zeigten uns die Allgemein- und Baderäume des Kurhauses und die einzelnen sehr geschmackvoll eingerichteten Zimmer. Ein Konferenzsaal ist in diese Anlage eingegliedert. In Deutschland würde man diese Kur- und Badeeinrichtung zur exklusiven, gehobenen Einrichtung zählen. Die Bullymannschaft mit dem routinierten Fahrer und Bürgermeister startete wieder. Endziel war das zwischen den Bergen liegende Rio Novo.

Valberto hatte uns schon auf die schlechte Wegstrecke vorbereitet, doch so schlimm, wie es wirklich war, hatten wir es nicht erwartet. Es ging durch tiefen Schlamm, bis wir in Theresópolis halt machten. Martin war tief bewegt, war er doch an dem verschlafenen Ort zwischen den Bergen, der für die münsterländischen Auswanderer eine große historische Bedeutung hatte. Pater Wilhelm Roer aus Münster hatte dort eine große Anzahl Kolonisten versammelt, um sie nach Absprache mit der brasilianischen Regierung auf Urwaldpfaden zu neuen Siedlungsplätzen mit fruchtbarem Boden zu führen. Wir besuchten den Friedhof von Theresópolis mit dem Denkmal des unvergessenen Seelsorgers Pater Wilhelm Roer. Nach einigen Fotoaufnahmen von diesem denkwürdigen Platz brachen wir wieder auf, um unser Ziel Rio Novo zu erreichen.

Nach einer von uns nach Kilometern schwer abzuschätzenden langen Wegstrecke gelangten wir in Rio Novo beim Haus von Helka und Augostinho David Lüdtke an. Nach dem Öffnen des Weidetores fuhren wir über eine Brücke des Rio Novo, durch eine nasse Kuhwiese bis an das Wohngebäude. Die versammelte Familie David / Lüdtke, unter ihnen der schon erwähnte Fridolino David (* 10.2.1933) mit seiner Frau Rosa geb. Wagner (* 10.10.1933), begrüßten uns alle herzlich und hießen uns willkommen. Fridolino hatte wohl alle erreichbaren Verwandten gebeten zu kommen, um uns die Ehre zu erweisen und mit uns zusammenzusein. Jeder wollte uns umarmen, sie waren so glücklich, Deutsche und dann noch Verwandte als Gäste zu haben. Es war natürlich für die Gastgeber auch ein Ereignis, daß der Bürgermeister und sein Stellvertreter an der Zusammenkunft mit dem Festmahl teilnahmen. Für Martin war es ein Höhepunkt der Brasilienreise, nach 19jähriger Suche die Nachgeborenen der Familie Küper in Rio Novo gefunden zu haben. Nach der Begrüßung, die kein Ende nehmen wollte, natürlich in plattdeutscher Sprache, wurden zunächst Haus, Hof und das Stallgebäude mit dem Umfeld des Hauses besichtigt. Die Familie Lüdtke hat acht Kühe, die für die eigene Käseherstellung die Milch liefern. Wir sahen die zum trocknen ausgelegten frischen Käselaibe, die im Hausverkauf zum Lebensunterhalt der Familie Lüdtke beitragen. Ein Riesenschwein im Stall sollte noch geschlachtet werden. Der von Fridolino aufgemauerte große Backofen hatte für den reichlich gedeckten Mittagstisch wieder seine Dienste getan. Fridolino nutzte die Zeit und holte die Aussteuerkiste seiner in Osterwick am 24. 3. 1860 geborenen Großmutter Anna Küper vom Dachboden. Der geschnitzte Namenszug „A. Küper“ im Kistendeckel war ein unverkennbares Zeugnis der Familienzugehörigkeit. Nach vielen Gesprächen baten die Gastgeber zum gemeinsamen Mittagessen. Es wurde wirklich das Beste geboten. Zum Nachtisch gab es eine große Torte. Die über 90 Jahre alte Mutter von Fridolino und seinen Geschwistern war sehr krank und bettlägerig. Ein Schlaganfall hat sie blind und bewegungsunfähig gemacht. Bis vor vier Monaten hatte sie noch im Garten gearbeitet. Martin rief vor der Verabschiedung die Festgesellschaft zusammen, um noch ein paar Worte über den Weg der glücklichen Entdeckung der Familie Küper preiszugeben und der Familie David Lüdtke als Gastgeber für die herzliche Aufnahme und den schmackhaften Mittagsschmaus zu danken.

Fridolino sprach dann in bewegten Worten auch im Namen seiner großen in Brasilien lebenden Verwandtschaft einige Dankesworte zu uns. Er und seine Geschwister hätten nie geglaubt, daß sie es noch erleben dürften, Verwandte aus Deutschland persönlich kennenzulernen. Sie freuten sich, vom Stammort Osterwick und überhaupt mehr über ihre Vorfahren und ihre Geschichte zu hören. Sie versprachen, uns in ihr Gebet einzuschließen, damit es uns im Leben immer gut gehen möge. Also noch einmal großes Abschiednehmen nach brasilianischem Brauch! Jetzt mußten wir unter der Führung von Fridolino und seiner Frau Rosa, die beide mit in den Bully einstiegen, noch weiter den schlammigen Weg befahren, um die Wohnplätze der münsterländischen Kolonisten und der eigenen Verwandten kennenzulernen. Wie ich schon erwähnte, war Fridolino ein lebendes Geschichtsbuch. Er kannte auch die Plätze und die Namen der ehemaligen Besitzer, deren Häuser vor oder nach der Jahrhundertwende abgerissen wurden. Der starke Regen, der um 12.00 Uhr einsetzte, ließ unsere Weiterfahrt immer mehr zu einem großen Abenteuer werden. Wenn wir nicht den prächtigen Bürgermeister mit Fahrpraxis gehabt hätten, wäre die Weiterfahrt in den Bergen nicht möglich gewesen. Es goß furchtbar, das Wasser stand auf den Wegen. Am Endziel tat sich ein wunderschönes Tal auf. Ganz unten floß der Rio Novo. Die linke Hangseite des Rio Novo (Die Kolonisten bekamen vom Staat in der Regel 100 Morgen zur Urbarmachung zugewiesen.) wurde nach der Einwanderung 1862/63 von der Witwe Anna Catharina Küper, geborene Richters (* 3. 5. 1825 Osterwick, † 19. 12. 1906 Rio Novo) [Das Stammhaus ist jetzt Heinz Hidding, Rosendahl-Osterwick, Asbecker Straße Nr. 37], als erster Kolonistin des werdenden Ortes Rio Novo in Besitz genommen. Sie heiratete in zweiter Ehe Joseph Hermann Engelbert Kühlkamp (* 14. 5. 1835 Asbeck). Unten im Tal auf dem Weideland liegen noch die vier Granitblöcke, auf denen das Haus Kühlkamp mit seinen vier Eckpfosten gestanden hat. Martin hätte gerne im Zeitraffer die Jahrzehnte bis zur Erbauung des Hauses im 19. Jahrhundert zurücklaufen lassen, um das harte Leben der Kolonisten im brasilianischen Urwald zu sehen. Abschied von dem wunderschönen Platz der ehemaligen Küper / Kühlkampbesitzung im Tal des Rio Novo.

Wir bedankten uns auf dem Rückweg herzlich bei Fridolino für die gute Führung und verabschiedeten uns bei ihm und seiner Frau Rosa nach dem Bully-Stopp in Höhe der Gastfamilie David Lüdtke. Der Bürgermeister hatte uns doch noch sicher durch Schlamm und Schlaglöcher (dreimal schlug der Wagen richtig mit der Bodenwanne auf) bis nach Aguas Mornas gefahren.

Auf der schlimmsten Wegstrecke saßen zwei Autos fest, die Insassen hatten ihre Schuhe ausgezogen und halfen sich gegenseitig aus dem Schlamm. Als wir dann endlich wieder festen Boden unter den Rädern hatten, bekam der Bürgermeister großen Applaus. Wir konnten uns gar nicht genug bedanken für seine Fahrkunst im Schlamm am Rio Novo. Er meinte, das sei doch das geringste, was er für uns hätte tun können. Er zeigte uns noch sein Büro in der Bürgermeisterei und Toni Jochems Arbeitsplatz. Eine Tochter von Hilda Philippi (eine Nichte von Valberto), die in Aguas Mornas wohnt, bedauerte es, daß wir uns keine Zeit für eine Kaffeepause bei ihr genommen hätten. Wieder großer Abschied von den bleibenden Beteiligten, dann ging es weiter nach Florianópolis. Um 18.30 Uhr besuchten wir mit Valberto und Dulce die Messe in der Kapelle des Jesuitenkollegs. Evaldo Hemkemaier (ein Cousin von Pater Sérgio Hemkemeier) war schon in der Kirche und begrüßte uns. Eine Jugendgruppe sang mit Gitarrenbegleitung. Nach der Messe begrüßte uns Júlio Boings Tochter Áurea mit Familie. Wir waren total erschöpft, als wir zu Hause ankamen. Weil alles so gut verlaufen war, tranken wir noch eine Flasche Wein, die Alfred Florin während seines Brasilienaufenthaltes im Mai gekauft hatte.

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Sonntag, 31.10.1999

Wir standen 8.30 Uhr auf. Ich hatte doch schon Reisefieber und packte noch die restlichen Sachen in unsere Koffer. Es wurde in aller Ruhe gefrühstückt, und wir ließen den gestrigen aufregenden Tag in Gedanken an uns vorbeiziehen. Pater Sérgio rief schon um 9.00 Uhr an und wollte sich verabschieden. Elise war traurig, sie hätte uns so gern bei sich gehabt. Pater Sérgio sagte, wir hätten das Heimweh nach uns in Armazém zurückgelassen. Martin erzählte ihm noch einen sauberen Witz. Pater Sérgio sagte, daß wir bei ihm immer eine offene Tür finden würden. Er und Elise hätten uns geschätzt und gern gehabt. Um 12.00 Uhr fuhren wir noch mal zu dem Restaurant, in dem das Essen nach Gewicht bezahlt wird. Wir beglichen 15,31 Reais für uns vier. So ein Restaurant müßte es in Osterwick auch geben, dann würde ich nicht so oft kochen. Nachdem wir zu Hause waren, beschriftete ich die Fotos, die wir gestern noch abgeholt hatten, danach ruhten wir noch etwas.

Valberto fuhr noch mit uns zum Supermarkt. Dulce hatte in der Zwischenzeit den Kaffeetisch gedeckt, es war unser letzter Imbiß bei Dulce und Valberto. Wir sind Valberto sehr dankbar für das, was er für uns getan hat. Er hat unsere Reise wunderbar bis in das Kleinste vorbereitet; ohne seinen Einsatz und seine Organisation wären die Tage nicht so informativ, abenteuerlich und interessant gewesen. Valberto sagte, er hätte sich so sehr engagiert, weil ich an ihn geglaubt hätte, zum anderen für Martins Arbeit in der Auswandererforschung. Er meinte, es sei wichtig, daß Martin die Orte sähe, wo die münsterländischen Auswanderer im 19. Jahrhundert gesiedelt haben, ebenso wo und wie die Nachgeborenen heute leben. Es ist wohl eine gute Fügung, daß Valberto und Martin die gleichen Interessen in der Auswandererforschung haben. Wir sind Valberto sehr dankbar, daß wir Brasilien aus so einer Perspektive kennenlernen durften. Die Erlebnisse in Brasilien werden Martin insbesondere und den Mitstreitern Alfred Efting, Norbert Henkelmann und Ingrid Seliger Motivation geben, die Forschung noch intensiver weiterzuführen.

Um 17.00 Uhr fuhren wir zum Flughafen. Dulce fuhr auch mit. Valberto regelte wie immer alles. Wir mußten noch 156 Reais für den Checkin bezahlen.

Professor John Klug kam noch zum Flughafen, um sich von uns zu verabschieden. Familie Jungklaus schaffte es noch gerade, uns mit ihren Kindern Adieu zu sagen. Es wurde noch schnell ein Foto gemacht, dann ging es ab ins Flugzeug. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man die Gangway hinauf geht und von oben noch einmal den lieben Menschen, die uns unvergeßliche Eindrücke von Süd-Brasilien geschenkt haben, zuwinken kann.

Vorher Abschied von Valberto und Dulce. Ich denke, wir sehen uns in Deutschland wieder, damit wir ihre Gastfreundschaft erwidern können. Alle brasilianischen Freunde standen auf dem Balkon des Flughafengebäudes. Noch einmal Winken und eine Kußhand. Es ist fraglich, ob wir die liebenswerten Menschen noch einmal wiedersehen!

Nachdem wir in die Boing 737 eingestiegen waren, hob die Maschine um 19.10 Uhr ab. Wir sahen nach kurzer Flugdauer das imposante Lichtermeer der Riesenstadt São Paulo. Es war ein herrliches Bild, wie wir es noch nie gesehen hatten. In der Maschine gab es noch einen kleinen Imbiß. Um 20.00 Uhr landeten wir schon wieder. Wir begaben uns gleich zum Einstieg 25 und warteten auf unseren Aufruf. Ganz pünktlich war der Checkin. Die Maschine, wieder eine MacDonnell Douglas (MD 11) mit 267 Sitzplätzen, hob um 23.30 Uhr ab. Kapitän Wotsch mit seiner Crew flog uns sicher nach Frankfurt. Wir hatten die Sitze 21a und 21b und mehr Platz als in den Vierer- oder Dreierreihen, doch mangelte es an Bewegungsfreiheit für fast 11 Stunden Flugdauer. Es gab Getränke und Mittagessen und dann wurde geschlafen, über 10.000 m hoch über den Wolken. Es war ein ganz ruhiger Flug. Um 13.50 Uhr hatten wir eine weiche Landung in Frankfurt, und wir waren der Heimat mehr als ein gutes Stück näher und um viele Erlebnisse reicher. Ich rief die Kinder an. Wir hatten sehr viel Wartezeit. Um 17.40 Uhr ging es mit einer Boing 737 weiter nach Münster-Osnabrück. Dort wurden wir von Sabina erwartet. Es war ein schönes Gefühl, nach einem erlebnisreichen Urlaub gesund zu Hause und in der Nähe der Kinder und Enkelkinder zu sein.

                                                                                                                                       Rosendahl, den 4. März 2000

                                                                                                                                       Hildegard und Martin Holz

Beurteilungen:

Lieber Herr Holz,                                                                                                                                             (Mail vom 26.12. 1999)

herzlichen Dank für Ihre Post vom 18.12.99, die ich am Heiligabend in meinem Computer entdeckte. Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Reise durch Brasilien und Ihre Frau zu dem sehr instruktiven Bericht über Ihre Fahrt. Es ist so anschaulich, daß ich mir Ihre Reise und Begegnungen sehr lebhaft vorstellen kann, zumal ich mich mit der Geographie Santa Catarinas seit längerem vertraut gemacht habe. Überrascht bin ich von der doch noch sehr verbreiteten Kenntnis des Plattdeutschen. Auch Ihre Schilderungen geben eine Anschauung von den Schwierigkeiten, aber auch den Möglichkeiten der ersten Siedlerkolonisten. Gern würde ich ein Foto der Grabstätte Pfarrer Wilhelm Roers haben. Vielleicht ist es möglich, einen Abzug zu machen.

Meine eigenen Forschungen zu Brasilien ruhen weiterhin, weil ich derzeit mit der Herausgabe einer zweibändigen Stadtgeschichte Warendorf zu tun habe, die Mitte März zum 800jährigen Stadtjubiläum erscheinen muß. Zur Zeit arbeitet ein Student aus Florianópolis bei Herrn Prof. Dr. Johannes Meier an der Universität Mainz an einer Dissertation über die deutschen Siedlerkolonien in Santa Catarina. Sein Name ist Paolo Diel. Er wird noch nach Münster kommen, um dort die Archive auszuwerten. Ich werde ihm Ihre Adresse geben, so daß er mit Ihnen direkt Kontakt aufnehmen kann.

Sein Arbeitsschwerpunkt liegt über die Siedlerkolonien hinaus beim Aufbau des kirchlichen Lebens in Santa Catarina. Insofern ist also Pfarrer Topp aus Warendorf für ihn eine wichtige Bezugsperson, auch das Archivmaterial im Bistumsarchiv in Florianópolis. Herrn Dompfarrer Beesen haben Sie dort nicht getroffen?

Ich freue mich, daß sich die wechselseitigen Kontakte durch die Forschungen vertiefen. Ein aktiver Mann ist auch Herr Osias Alves, den Sie kennengelernt haben. Ich stehe seit längerem in Kontakt mit ihm und nehme an, daß er in Kürze zu einem Besuch nach Deutschland kommt. Herrn Prof. Valberto Dierksen lernte ich hier in Warendorf bei seinem Besuch kennen. Ich erinnere mich gern an ihn.

Vielleicht ist es möglich, sich bei einem Treffen demnächst über Ihren Besuch auszutauschen.

Für heute noch einmal herzlichen Dank für Ihren großartigen Bericht und Ihre Grüße und Wün­sche zum neuen Jahr, die ich herzlich erwidere, 

Ihr Paul Leidinger

(Prof. Dr. Paul Leidinger,  Luise Hensel Straße 3, D-48 231 Warendorf, Phone: +49 2581 1301, Fax: +49 2581 96600)                Phone: +49 2581 1301, Fax: +49 2581 96600)  Mailadresse: paul@leidinger.org

   

Liebe Familie Holz,     (Mailbotschaft von Peter Frey / Brüning aus der Schweiz vom 24.12. 1999) Mailadresse: pf@pfrey.net

Euer Gruss und Bericht über Brasilien hat uns riesig gefreut.

Mit Ihrem ausführlichen und lebendigen Bericht haben Sie uns ein paar schöne Momente aus der Heimat nahe gebracht. So haben wir unsere Kindheit erlebt und verbracht, auch in neuen Regionen Nordost-Paraná, wo mutige Familien ihr Glück versuchten und so wie ihre Vorfahren ganz von vorne anfingen. Dort leben ebenfalls Brasilianer-Münsterländer, die ihre Tradition und Kultur weiter pflegen. 

Wir sammeln weiterhin Daten über unsere Familien, mein Vater hat uns eine Biografie hinterlassen, in dem er seine Kindheit und sein Leben in St. Ludgero beschreibt. Aus dem Manuskript verspreche ich mir noch einige interessante Hinweise und Informationen zu der Zeit.

Die Familie Kestering (mutterseits) organisiert einen Großanlaß in St. Ludgero für das Frühjahr 2000 in dem „alle“ Familienangehörige zusammenkommen sollen.

Wir wünschen Ihnen und Ihren Angehörigen frohe Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr.

PS: Sollten Sie sich einmal in der Region Bodensee aufhalten, so würden wir uns über einen Besuch geehrt fühlen.

Besuchen Sie: / Visite: http://www.pfrey.net

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